Pflicht oder Verantwortung

Wir leben in einer Welt, in der es immer weniger Pflichten, aber immer mehr Verantwortung gibt. In einer Gesellschaft, die die Freiheit des Einzelnen in den Vordergrund stellt, sind Pflichten geradezu widersinnig. Die Wehrpflicht wurde abgeschafft, die Impfpflicht ist heiß umstritten. Ein paar Pflichten haben wir trotzdem noch: Steuerpflicht, Schulpflicht, Unterhaltspflicht (die immer mehr begrenzt wird), Sargpflicht (auch umstritten), Verkehrssicherungspflicht, Räum- und Streupflicht. Manche Pflichten entstehen sogar erst durch die Freiheit: Die Haftpflicht etwa.

Wenn man das so zusammenträgt, ist es gar nicht so wenig, und man könnte sich fragen, ob der erste Satz dieses Textes überhaupt stimmt. Aber fest steht: Pflichten sind nicht mehr selbstverständlich, es ist Mode geworden, Pflichten in Frage zu stellen. Sie werden nicht mehr klaglos akzeptiert, der Staat, der sie aufstellt, muss sie begründen und verteidigen, oder eben abschaffen. „Pflicht oder Verantwortung“ weiterlesen

Parlamentarismus

Die politische Sphäre einer Gesellschaft ist im Wesentlichen dazu da, sicherzustellen, dass alle Menschen, die in dieser Gesellschaft leben, mit den Bedingungen, die ihnen durch das gesellschaftliche Zusammenleben aufgezwungen werden, halbwegs zurechtkommen und halbwegs zufrieden mit ihnen sind. Diese politische Sphäre kann sich im Modus der Stabilität befinden oder im Umbruch sein. Im Modus der Stabilität sind die meisten Menschen mit den Zuständen halbwegs zufrieden, im Modus des Umbruchs führt eine, zunächst oft nicht offenbare, Unzufriedenheit bei einem Teil der Menschen dazu, dass neue Strukturen in der politischen Sphäre gefunden werden müssen. Ziel eines jeden Umbruchs ist das Erreichen einer neuen Stabilität. „Parlamentarismus“ weiterlesen

Thesen zur Logik

Ein Beispiel: eine Person kann einmal sagen „ich weiß, dass ich den Nachrichten der ARD vertrauen kann“ und ein andermal kann die gleiche Person sagen: „auch den Nachrichten der ARD kann man nicht trauen“. Möglicherweise wird sie die beiden Sätze nicht im gleichen Gespräch äußern, vielleicht wird sie die Sätze mit Worten wie „vollständig“, „meistens“ oder mit Floskeln wie „in gewissem Umfang“ oder „ zunächst mal“ anreichern. Aber befragt, in welcher Hinsicht die eine Aussage und in welcher die andere Aussage gilt, wird die Person keine genaueren Angaben machen können. Sie wird vielleicht Beispiele geben, die sich aber nicht genau bestimmten Klassen von Erfahrungen oder Situationen zuordnen lassen. Die Beispiele haben eher illustrierenden Charakter, als dass sie zu einer Differenzierung von Situationen und Hinsichten beitragen würden. Die Person wird sagen, dass genau in diesem Widerspruch die Wahrheit über die Vertrauenswürdigkeit des Senders liege. Viele Menschen werden das Argument dieser Person verstehen und nachvollziehen können, sie werden sagen, dass sie die Sache genau so sehen. Der Versuch, die Fälle klar zu unterscheiden, in denen der eine Satz oder der andere Satz wahr ist, scheitert, die betroffenen Personen werden sagen, dass die Klassifizierung keine größere Wahrheit bringt, dass sie sich eher von der Wahrheit entfernt. „Thesen zur Logik“ weiterlesen

Agnostische Theologie

Ist eine Theologie aus einer agnostischen Einstellung heraus denkbar? Auf den ersten Blick scheint dies absurd. Theologie – das ist, nach allgemeinem Verständnis, die Rede, oder gar die Lehre, von Gott. Agnostisch hingegen nennen wir eine Einstellung, die ohne einen Gott auskommt, weil sie meint, dass man von Gott nichts wissen kann. Der Agnostiker meint, über die Frage, ob es Gott gibt, keine Aussage treffen zu können. Kann man aus dieser Position heraus von Gott reden?

Wir wollen der Frage nicht ausweichen, indem wir über die ursprünglichen Bedeutungen der Worte, die das Begriffspaar bilden, nachdenken. Wir wollen sie vielmehr ein wenig genauer fassen, um die Möglichkeiten einer agnostischen Theologie zu fassen. „Agnostische Theologie“ weiterlesen

Zur Popularisierung der Philosophie

Die Philosophie unterscheidet sich von den positiven Wissenschaften auf vielerlei Weise, und insbesondere dadurch, dass es für sie zwei grundverschiedene Arten der Popularisierung gibt. Wenn man philosophisch über Popularisierung der Philosophie reflektieren will, muss man zuerst diese beiden Formen unterscheiden. Denn nur die eine ist bedenklich, die andere ist sogar notwendig.

Die eine Form ist tatsächlich dem ähnlich, was man auch sonst als populärwissenschaftlich bezeichnet. Da geben dann studierte, promovierte, am besten sogar als Professor anzuredende Experten Auskunft über das, was die interessierten Menschen eben so interessiert. Sie schreiben Bücher oder Zeitschriftenartikel, die schon im Titel oder im Untertitel ein „Wie“ oder ein „Warum“ zu stehen haben und vorgeben, diese Fragen auch beantworten zu können. Die Texte klingen irgendwie allgemeinverständlich und plausibel, die Schlussfolgerungen scheinen zwingend zu sein, und wo man ihnen aus der Logik des Textes heraus doch nicht folgen kann, hilft dem Leser die Autorität des ausgewiesenen und sympathischen Experten. „Zur Popularisierung der Philosophie“ weiterlesen

Wissenschaftlichkeit: Sedimentierung des Erkenntniskonsens

Wir hatten das Wissenschaftliche als Herstellung und Manipulation von Modellen als symbolischen Repräsentationen von Konstellationen beschrieben, wobei diese Modelle jeweils in einen stabilen Kotext eingebunden sind, oder, wie wir auch sagen können, die Modellmanipulationen erhalten ihre eigene Stabilität und Reproduzierbarkeit durch ihre Verankerung auf einem festen Fundament. Wir hatten gesehen, dass wir wenigstens zwei Ausprägungen dieses Wissenschaftlichen kennen: die Theoriendynamik und die Experimentalsysteme. Als wissenschaftlich erscheint uns ein Vorkommnis, das sich plausibel als Ergebnis eines solchen Prozesses der Modellmanipulationen beschreiben lässt. Die stabilisierten und reproduzierbaren Modellmanipulationen können wir als wissenschaftliche Erkenntnis betrachten. Wir hatten gesehen, dass Theoriendynamik und Experimentalsysteme gewissermaßen komplementäre Ausprägungen des Wissenschaftlichen sind: wissenschaftliche Erkenntnisse lassen sich Ergebnisse einer Theoriendynamik schildern, bei denen Experimente allenfalls als Prüfinstanz fungieren, oder als differenzielle Reproduktion eines Experimentalsystems, für das Theorie, wenn überhaupt, nur als Dokumentationshilfe benötigt wird. „Wissenschaftlichkeit: Sedimentierung des Erkenntniskonsens“ weiterlesen

Das Wissenschaftliche als soziale Praxis

Die Feststellung, dass das wissenschaftliche Handeln in einen sozialen Zusammenhang eingebettet ist und von sozialen Konstellationen abhängt, kann entweder als selbstverständlicher Allgemeinplatz angesehen oder als für das Verständnis des Wissenschaftlichen  unwesentlich beiseite getan werden. Da die Einbettung in das Soziale letztlich für alle menschliche Tätigkeiten eine Tatsache ist, die wissenschaftliche Praxis hier also selbstverständlich keine Ausnahme ist, kann man argumentieren, dass es für das Verständnis des Wissenschaftlichen gerade nicht hilfreich ist, ihre sozialen Abhängigkeiten und Bedingtheiten, die sie ja gerade mit allen anderen Praxen gemeinsam hat, in den Fokus zu nehmen. „Das Wissenschaftliche als soziale Praxis“ weiterlesen

Das Wissenschaftliche in der Komplementarität von Experimentellem und Theoretischem

Um die Verbindung zwischen Experimentieren und Theoriebildung zu verstehen, ist es allerdings sinnvoll, den Weg der symbolischen Repräsentation der Phänomene und die Verbindung dieser Repräsentation mit Rheinbergers Modellkonzept weiter zu verfolgen. Auf den ersten Blick hat dieser Modellbegriff nichts mit dem der Wissenschaftstheorie zu tun, wie er etwa von van Fraassen (siehe oben, Seite 24) verwendet wird. Für van Fraassen sind Modelle Theoriebestandteile, Theorien sind „Familien von Modellen“, während Rheinberger Modelle als Experimentieranordnungen, als Experimentalsysteme auffasst. Wenn man jedoch versucht, beides zusammen zu denken, dann kann man einen ersten Hinweis für einen Begriff vom Wissenschaftlichen gewinnen, der jenseits der Entscheidung über das Primat der Theorie oder des Experiments angesiedelt ist. Zuvor soll jedoch ein Blick auf die Rolle der Theorie in Rheinbergers Wissenschaftskonzept geworfen werden. „Das Wissenschaftliche in der Komplementarität von Experimentellem und Theoretischem“ weiterlesen

Das wissenschaftliche Experimentieren

In seinem Buch Experimentalsysteme und epistemische Dinge zitiert Hans-Jörg Rheinberger den amerikanischen Nobelpreisträger Alfred Hershey, der auf die Frage nach dem höchsten Glück des Wissenschaftlers geantwortet haben soll: „Ein Experiment zu haben, das funktioniert, und es immer wieder tun.“ (Rheinberger 2006, 20) Dieses Bild vom wissenschaftlichen Arbeiten könnte kaum weiter von dem entfernt sein, das Popper geschildert hat, als er das wissenschaftliche Arbeiten als das Aufstellen von Theorien beschrieben hat. Für Popper und viele Wissenschaftstheoretiker ist die Arbeit an logisch strukturierten Satzsystemen das Besondere am Wissenschaftlichen, die Tätigkeit, die den Wissenschaftler auszeichnet. Experimente dienen nur der Überprüfung dieser Theorien, der Beantwortung von Fragen, die von der theoretischen Arbeit aufgeworfen wurden. Ein Wissenschaftler wie Hershey, so wie ihn Rheinberger hier zitiert, wäre hingegen offenbar auch ganz ohne theoretische Leitung denkbar. „Das wissenschaftliche Experimentieren“ weiterlesen

Wissenschaft als Theoriendynamik

Die philosophische Reflexion über das Wesen der modernen Wissenschaft hält sich in einem Spannungsbogen zwischen der Wissenschaftstheorie auf der einen Seite und Wissenschaftssoziologie und Wissenschaftsgeschichte auf der anderen. Das Spektrum der Standpunkte ist groß und die Ansätze, ein Verständnis dessen zu entwickeln, was in allem Tun und allen Ergebnissen von Wissenschaftlern in den wissenschaftlichen Institutionen und im wissenschaftlichen Betrieb sich als grundlegendes Wissenschaftliches durchzieht, gehen in diesem Spektrum fließend ineinander über. Deshalb kann hier kein erschöpfendes Bild des gegenwärtigen Standes der Debatte gegeben werden. Exemplarisch werde ich in den nächsten Abschnitten einige Autoren zitieren, vor allem um deutlich zu machen, wie die Vielfalt der philosophischen Versuche selbst zustande kommt und was ihre Voraussetzungen und Grenzen zur Bestimmung des Wissenschaftlichen sind. Es geht mir dabei nicht darum, die verschiedenen Möglichkeiten, das Wissenschaftliche philosophisch zu fassen, zu beschreiben und etwa ihren deskriptiven oder normativen Umfang zu beurteilen, vielmehr ist es mein Ziel, aus den vorhandenen Ansätzen abzuleiten, anhand welcher Art von Kriterien etwas wie das Wissenschaftliche überhaupt umgrenzt werden kann, als was für ein Begriff sich das Wissenschaftliche damit herausstellt und was schließlich mit ihm bezeichnet werden kann.   „Wissenschaft als Theoriendynamik“ weiterlesen