Zur Popularisierung der Philosophie

Die Philosophie unterscheidet sich von den positiven Wissenschaften auf vielerlei Weise, und insbesondere dadurch, dass es für sie zwei grundverschiedene Arten der Popularisierung gibt. Wenn man philosophisch über Popularisierung der Philosophie reflektieren will, muss man zuerst diese beiden Formen unterscheiden. Denn nur die eine ist bedenklich, die andere ist sogar notwendig.

Die eine Form ist tatsächlich dem ähnlich, was man auch sonst als populärwissenschaftlich bezeichnet. Da geben dann studierte, promovierte, am besten sogar als Professor anzuredende Experten Auskunft über das, was die interessierten Menschen eben so interessiert. Sie schreiben Bücher oder Zeitschriftenartikel, die schon im Titel oder im Untertitel ein „Wie“ oder ein „Warum“ zu stehen haben und vorgeben, diese Fragen auch beantworten zu können. Die Texte klingen irgendwie allgemeinverständlich und plausibel, die Schlussfolgerungen scheinen zwingend zu sein, und wo man ihnen aus der Logik des Textes heraus doch nicht folgen kann, hilft dem Leser die Autorität des ausgewiesenen und sympathischen Experten. „Zur Popularisierung der Philosophie“ weiterlesen

Wissenschaftlichkeit: Sedimentierung des Erkenntniskonsens

Wir hatten das Wissenschaftliche als Herstellung und Manipulation von Modellen als symbolischen Repräsentationen von Konstellationen beschrieben, wobei diese Modelle jeweils in einen stabilen Kotext eingebunden sind, oder, wie wir auch sagen können, die Modellmanipulationen erhalten ihre eigene Stabilität und Reproduzierbarkeit durch ihre Verankerung auf einem festen Fundament. Wir hatten gesehen, dass wir wenigstens zwei Ausprägungen dieses Wissenschaftlichen kennen: die Theoriendynamik und die Experimentalsysteme. Als wissenschaftlich erscheint uns ein Vorkommnis, das sich plausibel als Ergebnis eines solchen Prozesses der Modellmanipulationen beschreiben lässt. Die stabilisierten und reproduzierbaren Modellmanipulationen können wir als wissenschaftliche Erkenntnis betrachten. Wir hatten gesehen, dass Theoriendynamik und Experimentalsysteme gewissermaßen komplementäre Ausprägungen des Wissenschaftlichen sind: wissenschaftliche Erkenntnisse lassen sich Ergebnisse einer Theoriendynamik schildern, bei denen Experimente allenfalls als Prüfinstanz fungieren, oder als differenzielle Reproduktion eines Experimentalsystems, für das Theorie, wenn überhaupt, nur als Dokumentationshilfe benötigt wird. „Wissenschaftlichkeit: Sedimentierung des Erkenntniskonsens“ weiterlesen

Das Wissenschaftliche als soziale Praxis

Die Feststellung, dass das wissenschaftliche Handeln in einen sozialen Zusammenhang eingebettet ist und von sozialen Konstellationen abhängt, kann entweder als selbstverständlicher Allgemeinplatz angesehen oder als für das Verständnis des Wissenschaftlichen  unwesentlich beiseite getan werden. Da die Einbettung in das Soziale letztlich für alle menschliche Tätigkeiten eine Tatsache ist, die wissenschaftliche Praxis hier also selbstverständlich keine Ausnahme ist, kann man argumentieren, dass es für das Verständnis des Wissenschaftlichen gerade nicht hilfreich ist, ihre sozialen Abhängigkeiten und Bedingtheiten, die sie ja gerade mit allen anderen Praxen gemeinsam hat, in den Fokus zu nehmen. „Das Wissenschaftliche als soziale Praxis“ weiterlesen

Das Wissenschaftliche in der Komplementarität von Experimentellem und Theoretischem

Um die Verbindung zwischen Experimentieren und Theoriebildung zu verstehen, ist es allerdings sinnvoll, den Weg der symbolischen Repräsentation der Phänomene und die Verbindung dieser Repräsentation mit Rheinbergers Modellkonzept weiter zu verfolgen. Auf den ersten Blick hat dieser Modellbegriff nichts mit dem der Wissenschaftstheorie zu tun, wie er etwa von van Fraassen (siehe oben, Seite 24) verwendet wird. Für van Fraassen sind Modelle Theoriebestandteile, Theorien sind „Familien von Modellen“, während Rheinberger Modelle als Experimentieranordnungen, als Experimentalsysteme auffasst. Wenn man jedoch versucht, beides zusammen zu denken, dann kann man einen ersten Hinweis für einen Begriff vom Wissenschaftlichen gewinnen, der jenseits der Entscheidung über das Primat der Theorie oder des Experiments angesiedelt ist. Zuvor soll jedoch ein Blick auf die Rolle der Theorie in Rheinbergers Wissenschaftskonzept geworfen werden. „Das Wissenschaftliche in der Komplementarität von Experimentellem und Theoretischem“ weiterlesen

Das wissenschaftliche Experimentieren

In seinem Buch Experimentalsysteme und epistemische Dinge zitiert Hans-Jörg Rheinberger den amerikanischen Nobelpreisträger Alfred Hershey, der auf die Frage nach dem höchsten Glück des Wissenschaftlers geantwortet haben soll: „Ein Experiment zu haben, das funktioniert, und es immer wieder tun.“ (Rheinberger 2006, 20) Dieses Bild vom wissenschaftlichen Arbeiten könnte kaum weiter von dem entfernt sein, das Popper geschildert hat, als er das wissenschaftliche Arbeiten als das Aufstellen von Theorien beschrieben hat. Für Popper und viele Wissenschaftstheoretiker ist die Arbeit an logisch strukturierten Satzsystemen das Besondere am Wissenschaftlichen, die Tätigkeit, die den Wissenschaftler auszeichnet. Experimente dienen nur der Überprüfung dieser Theorien, der Beantwortung von Fragen, die von der theoretischen Arbeit aufgeworfen wurden. Ein Wissenschaftler wie Hershey, so wie ihn Rheinberger hier zitiert, wäre hingegen offenbar auch ganz ohne theoretische Leitung denkbar. „Das wissenschaftliche Experimentieren“ weiterlesen

Wissenschaft als Theoriendynamik

Die philosophische Reflexion über das Wesen der modernen Wissenschaft hält sich in einem Spannungsbogen zwischen der Wissenschaftstheorie auf der einen Seite und Wissenschaftssoziologie und Wissenschaftsgeschichte auf der anderen. Das Spektrum der Standpunkte ist groß und die Ansätze, ein Verständnis dessen zu entwickeln, was in allem Tun und allen Ergebnissen von Wissenschaftlern in den wissenschaftlichen Institutionen und im wissenschaftlichen Betrieb sich als grundlegendes Wissenschaftliches durchzieht, gehen in diesem Spektrum fließend ineinander über. Deshalb kann hier kein erschöpfendes Bild des gegenwärtigen Standes der Debatte gegeben werden. Exemplarisch werde ich in den nächsten Abschnitten einige Autoren zitieren, vor allem um deutlich zu machen, wie die Vielfalt der philosophischen Versuche selbst zustande kommt und was ihre Voraussetzungen und Grenzen zur Bestimmung des Wissenschaftlichen sind. Es geht mir dabei nicht darum, die verschiedenen Möglichkeiten, das Wissenschaftliche philosophisch zu fassen, zu beschreiben und etwa ihren deskriptiven oder normativen Umfang zu beurteilen, vielmehr ist es mein Ziel, aus den vorhandenen Ansätzen abzuleiten, anhand welcher Art von Kriterien etwas wie das Wissenschaftliche überhaupt umgrenzt werden kann, als was für ein Begriff sich das Wissenschaftliche damit herausstellt und was schließlich mit ihm bezeichnet werden kann.   „Wissenschaft als Theoriendynamik“ weiterlesen

Vernunft und vernünftig sein

Wenn wir uns nun daran machen, die Gewissheiten der vernetzten Vernunft zu verstehen, dann müssen wir uns zunächst einen Begriff davon machen, was wir alles zur Vernunft zählen wollen. Wir hatten schon gesagt: uns geht es um die ganze Vernunft der Gegenwart, dass gerade diese sich als vernetzt charakterisieren lässt, wird sich erst im Verlaufe der vor uns liegenden Betrachtungen immer wieder aufs Neue zeigen.

Vernunft, so sagten wir schon mehrfach, ist die Fähigkeit, Begründungen angeben zu können. Das Geben einer Begründung ist ein Akt eines Subjekts. Begründen ist Vollzug, ist vernünftig sein. Jemand gibt eine Begründung, zumeist einem anderen Subjekt gegenüber. Wir können uns auch selbst etwas begründen. Wir teilen und dann sozusagen in zwei Teile auf: Während ein Teil meines Selbst einen Grund sucht und angibt, prüft der andere Teil dieses Selbst, ob der Grund akzeptabel sei. „Vernunft und vernünftig sein“ weiterlesen

Einleitung zur vernetzten Vernunft

Wir beherrschen die Welt, aber wir verstehen sie nicht. Auf der einen Seite meinen wir, dass wir die Wirklichkeit immer besser im Griff haben. Technik macht die Wildnis beherrschbar und dehnt unseren Spielraum immer weiter aus. Auf der anderen Seite wird uns die Welt immer unverständlicher, die Frage, welche unserer Überzeugungen wahr sind, ist kaum mehr zuverlässig zu beantworten. Technische Weltbeherrschung und zuverlässiges Weltverstehen scheinen nicht zusammenzugehören.

Unsere gegenwärtige Welt ist von diesem Widerspruch geprägt, dass wir die technische Welt zwar vorhersehend beherrschen, aber nicht denkend verstehen. Aber ist dann Weltbeherrschung nicht nur eine Illusion? Treffen unsere Begriffe noch die Wirklichkeit? Kann es gelingen, Zusammenhänge so zu beschreiben, dann uns die Welt, in der wir leben und die wir beherrschen, verständlich wird? Können wir hoffen, in einem philosophischen System einen Halt zu finden, der uns die Grenzen unseres Wissens erträglich macht und uns ein sicheres Handeln auf unsicherem Grund ermöglicht? „Einleitung zur vernetzten Vernunft“ weiterlesen

Die Logischen Untersuchungen. Husserls Weg zur Wesenserkenntnis

Edmund Husserl hat seine phänomenologische Methode in einem Zeitraum von fast vier Jahrzehnten entwickelt. Sein Werk enthält neben konkreten phänomenologischen Analysen immer wieder Überlegungen zur Methode selbst. Das hat zwei Gründe. Zum einen ging Husserl davon aus, dass seine Methode den meisten seiner Leser fremd war. Nur durch umfangreiche Erläuterungen schien es Husserl möglich, die eigentlichen Untersuchungen und Ergebnisse verständlich zu machen. Dies wurde ihm durch die Erfahrung bestätigt, dass die Werke und ihre Resultate durch die Leser und Kritiker immer wieder missverstanden und falsch interpretiert wurden. Deshalb schien es Husserl nötig, seine Methode immer wieder auf neue Weise ausführlich zu erläutern. Zum anderen entwickelte Husserl seine Methode im Laufe der Zeit weiter, weil er bemerkte, dass er bei konkreten Analysen an Grenzen stieß. „Die Logischen Untersuchungen. Husserls Weg zur Wesenserkenntnis“ weiterlesen

Das Politische

Auch wenn die politischen Systeme der modernen westlichen Gesellschaften, die im Rahmen dieser Arbeit mehr oder weniger ausdrücklich als Reflexionsfläche dienen, ausnahmslos als parlamentarische Demokratien angesehen werden können, wäre es verfehlt, die Demokratie als bestimmendes Wesensmerkmal des Politischen in diesen Gesellschaften zu betrachten. Auch in einer perfekten Demokratie würde sich das Politische nicht im Demokratischen erschöpfen, und eine Analyse des Politischen in demokratisch verfassten Gesellschaften muss weit über die Frage hinausgehen, ob und wie demokratische Verfahren funktionieren und stabil implementiert sind. Die demokratische Entscheidungsfindung ist immer nur ein Teil des politischen Prozesses. Ob dies notwendigerweise der Fall ist, oder ob es nur der Tatsache geschuldet ist, dass Menschen in komplexen Gesellschaften immer nur einen Teil der relevanten Informationen bekommen, beurteilen und verarbeiten können und deshalb in den realen Demokratien Organisationsformen der Meinungsbildung und -strukturierung sowie der Entscheidungsfindung und -durchsetzung geschaffen werden müssen, die aus praktischen Erwägungen heraus nichtdemokratisch strukturiert sind, kann dahin gestellt bleiben, weil allein der Blick auf die realen politischen Verfahren, Institutionen und Ereignisse zeigt, dass die demokratische Entscheidungsfindung darin immer nur ein zwar konstitutiven, aber immer auch singulären Aspekt ist, der von vorbereitenden und exekutierenden Prozessen und Institutionen sozusagen umrahmt wird, die zwar nicht demokratisch, aber jedenfalls zutiefst politisch sind. „Das Politische“ weiterlesen