Warum ist überhaupt etwas…

Oft werden die drei Fragen Kants (Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen? – wahlweise ergänzt um Was ist der Mensch?) für die Grundfragen der Philosophie gehalten, weil kant selbst sie als für sein eigenes Denken so wichtig angesehen hat. Wirklich grundlegend scheint mir aber die Frage zu sein, die Leibniz zuerst gestellt hat:

Warum ist überhaupt etwas, und nicht vielmehr nichts?

In meinem Buch „Der plausible Gott“ wird es zwei längere Endnoten  zu dieser Frage geben, und die erste, die mir besonders wichtig ist, stelle ich hier zur Diskussion:

Die alte Frage der Philosophie „Warum ist überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts“ wird oft in einer viel zu einfachen Weise verstanden, auch wenn es um die Existenz Gottes geht, der als Antwort auf diese Frage gesehen wird. Genau besehen ist das Verwunderliche nicht, dass irgendwas „da ist“, dass Materie im Universum vorfindlich ist (wir werden auf diese Deutung der Frage in der Fußnote 34 zurückkommen). Verwunderlich ist, dass das, was „da ist“, eben etwas ist, und nicht nichts. Dass das da draußen „ein Baum“ ist, dass dort, genauer betrachtet, Stamm, Wurzeln, Äste und Blätter sind, die auf bestimmte Weise zusammenspielen, dass wir, bei genauerem Hinsehen, dann bemerken, dass da Zellen sind, aus denen der Baum mit seinen Bestandteilen wieder besteht, und so fort, das ist das bemerkenswerte, das uns ins philosophische Staunen versetzt – und zwar gar nicht in dem Sinne, dass all dies irgendwie Bestandteile oder Ergebnisse eine selbstorganisierenden Materie sind, sondern dass all dies eben Bedeutungen hat, und zwar auf jeder Ebene der Betrachtung, sei es der Baum im Ökosystem des Waldes und der Wald im klimatischen System der Erde oder seien es die Blätter, die Bedeutung für den Baum haben im Zusammenspiel mit den Kanälen, die den Baum von den Blättern bis hin zu den Wurzeln durchziehen. Die Frage, die die obige Grundfrage der Philosophie, warum überhaupt etwas sei und nicht vielmehr nichts, aufwirft, ist zunächst gar nicht die nach der Materialität dessen, was da ist, überhaupt, sondern, dass alles, was ist, eben zugleich etwas ist, und dass es nichts gibt, was nichts ist. Alles, was ist, ist etwas und hat als dieses Etwas Bedeutung in seiner Umgebung im Zusammenspiel mit anderem, das auch etwas ist. Die Grundfrage müsste deshalb genauer formuliert werden: Warum ist offenbar alles, was ist, auch etwas, warum ist kein Ding nichts (in dem Sinne, dass es keinerlei Bedeutung hat).

Man könnte nun vermuten, dass diese scheinbar unhintergehbare Tatsache, dass alles, was da ist, eben auch etwas ist, nur durch unsere menschliche Sicht auf die Welt so erscheint, dass all das nur für uns so scheint, als ob es etwas ist, dass wir mit unserer begrenzten und spezifisch menschlichen Vernunft es sind, die den Dingen, die eigentlich bedeutungslos sind, Bedeutung geben (oder zuschreiben). Es ist sozusagen unserem endlichen Weltverstehen geschuldet, dass wir meinen, dass die Dinge auf den verschiedenen Ebenen Bedeutungen haben. Wir sind es, würde man dann sagen, die die Dinge als etwas auffassen, das sie in Wirklichkeit gar nicht sind. Stellen wir uns aber einmal vor, dass wir mit einer anderen Spezies zusammentreffen, die womöglich sogar technologisch weit fortgeschrittener wären als wir, die aber einen Baum nicht als etwas (eben als Baum) auffassen könnten, Gebirge nicht als Gebirge, Planeten nicht als Planeten und so fort. In allem würden sie nur die mikrophysikalischen elementaren Prozesse sehen, die ihnen unmittelbar einleuchten. Gesetzt sogar, dieser Fähigkeit wäre ihr enormer technologischer Fortschritt zu verdanken. Trotzdem würden wir Menschen doch meinen, dass ihnen etwas entgeht, wenn sie einen Stern eben nicht als Stern ansehen könnten, der von Planeten umkreist wird, wenn sie den Baum nicht sehen könnten, der zusammen mit anderen Bäumen einen Wald bildet, wenn sie nicht mal die Photosynthese in den Blättern als tatsächlich ablaufenden Prozess sehen würden, sondern nur die ganz basalen elementaren physikalischen Prozesse (wenn es diese überhaupt gibt).

Es ist natürlich sogar fraglich, ob eine solche Spezies überhaupt technologische Leistungen vollbringen könnte, denn dazu gehört zweifellos, wenigstens einiges in der Welt als etwas mit Bedeutung ansehen zu können, etwa bestimmte Stoffe als Raketentreibstoff. Aber angenommen, sie könnten genau das, nämlich bestimmtes Nützliches als etwas Nützliches betrachten, dann wären wir doch sicher, dass ihnen vieles wahre entgehen würde, wenn sie all das andere nicht als das ansehen könnten, was es ist, etwas im Wechselspiel des Universum bedeutsames, das unabhängig davon etwas ist, ob es etwas nützliches ist.

Es ist also offensichtlich, dass die Welt in ihren Teilen nicht nur von uns Menschen zufällig so aufgefasst werden kann, dass diese Teile etwas mit Bedeutung sind, sondern dass die Welt selbst eben aus diesen Dingen besteht, die immer sich etwas sind – unabhängig davon, ob wir schon erkannt haben, was dies ist, oder nicht.

Was Gott nicht ist

Dies ist der Entwurf des Schluss-Kapitels meines Manuskripts zum plausiblen Gott. Wer sich für das ganze Manuskript interessiert (ca 125 Seiten) kann sich gern bei mir melden.

In den vorangegangenen Kapiteln wurde deutlich, dass es gute Gründe gibt, die Existenz eines unendlichen Geistes anzunehmen, der die Welt geschaffen hat und immer noch schafft, der uns Menschen geschaffen und als mitschöpfende Geschöpfe gewollt hat. Dieser schaffende unendliche Geist steht im Einklang mit den Naturgesetzen – er ist ihr Schöpfer, er hat sie so konzipiert, dass alles, was heute ist, entstehen und sich entwickeln konnte. Er hat einen Gesetzeszusammenhang von Regelmäßigkeiten auf den verschiedenen Ebenen des Weltgeschehens geschaffen. Diese Regelmäßigkeiten bauen aufeinander auf, die einen ergeben sich aus den anderen, aber sie lassen sich auch einzeln verstehen, untersuchen und nutzen.

Dieser Schöpfer hat auch vernünftige Lebewesen geschaffen, wie uns Menschen, er hat sie mit einer Vernunft ausgestattet, und das heißt, er hat uns die Fähigkeit gegeben, die Wahrheiten der Wirklichkeit, die Gesetze, nach denen sie entsteht und vergeht, zu erkennen. Das heißt auch, dass er uns den Sinn für die Schönheit seiner Schöpfung gegeben hat, und dass er uns mit dem Bedürfnis ausgestattet hat, diese Schönheit zu bewahren und schöpferisch zu vermehren und das Gute zu wollen, das Gute für die Wirklichkeit, für die Dinge, die in ihr entstanden sind, die Organismen und Lebewesen, die anderen Menschen und für uns selbst.

Es gibt gute Gründe, anzunehmen, dass ein solcher unendlicher und schöpferischer Geist existiert. Er existiert nicht in dem Sinne, wie Steine und Bäume existieren, auch wenn wir in ihrer Existenz, wenn wir ihre Schönheit und die Wahrheit über ihre Existenz erkennen, auch Gottes Geist und Willen sehen. Er existiert auch nicht, wie die theoretischen Entitäten der Naturwissenschaften existieren, auch wenn er als Ursache eine Erklärung für vieles bietet, was sonst unerklärlich und ohne Ursache hingenommen werden müsste. Er existiert auch nicht wie die fiktionalen Gestalten von Geschichten, auch wenn sie durch die schöpferische Kraft ihrer Erfinder in die Welt gekommen sind, die ein Teil der unendlichen schöpferischen Kraft Gottes ist, und auch wenn in diesen Geschichten oft gerade die wichtigen Gaben, die uns der Schöpfer gegeben hat, damit wir unsere Freiheit in seinem Sinne nutzen können.

Wir konnten in den vorangegangenen Kapiteln einige plausible Aussagen über diesen unendlichen Geist und Schöpfer machen. Es gibt aber auch einige Aussagen, die oft über Gott und sein Wirken gemacht werden, die wir nicht bestätigt finden. Um einige davon soll es zum Abschluss gehen.

Gott ist nicht allmächtig in dem Sinne, dass genau das geschieht, was er will. Gott lenkt nicht den tatsächlichen Ablauf des Weltgeschehens, und er lenkt auch nicht unsere Handlungen unmittelbar. Gott, wie wir ihn hier verstehen, ist einer, der Regeln setzt, und die Dinge dann zunächst laufen lässt. Wenn auf der Grundlage dieser Regeln Neues entsteht, und wir können annehmen, dass Gott dies will, dann schafft er für dieses Neue auch neue Regeln, und womöglich passt er die alten Regeln so an, dass sie mit den neuen zusammenspielen. Aber Gott wirkt nicht durch Wunder und nicht durch direkten Eingriff in die Welt. Es gibt keine Ereignisse, die nicht auf Naturgesetze zurückgeführt werden können, alles, was in der materiellen Welt geschieht, ist in dem Sinne erklärbar, dass es im Einklang mit den Naturgesetzen steht.

Man könnte also sagen, dass der schöpferische Gott gerade in dem Sinne allmächtig ist, dass er keine Wunder braucht, dass er nie direkt handelnd eingreifen muss, um die Wirklichkeit in seinem Sinne weiter zu treiben. Gott kann, für unsere begrenzte Vernunft unmerklich, die Regeln so weiterentwickeln, dass die Welt sich in seinem Sinn weiterbewegt.

Gott spricht nicht direkt zu uns und vor allem: Er befiehlt nicht. Er fordert uns nicht zu diesen und jenen Taten auf, er gibt uns keine konkreten Anweisungen für den Alltag. Er hat uns mit dem Gewissen, mit ästhetischem Gefühl, und mit der Fähigkeit, die Wahrheit in der Welt zu sehen, ausgestattet, und er hat Vertrauen, dass wir unsere Verantwortung für diese Welt wahrnehmen werden. Diese Fähigkeiten hat jeder von uns, unabhängig davon, ob wir an diesen Gott glauben, oder nicht. Nur in der Reflexion über diese Fähigkeiten erkennen wir Gott selbst – aber wir müssen ihn nicht als den Schöpfer und Verursacher erkennen, um in seinem Sinne mit seiner und unserer Schöpfung richtig umzugehen.

Gott möchte nicht angebetet und verehrt werden, er kann uns nicht vergeben und er kann niemanden von uns dafür belohnen, ihm zum Ruhm zu handeln. Zwar kann im religiösen Kult, im Gebet und im gemeinsamen reflexiven Gespräch das Schöne, Gute und Wahre deutlich werden, aber es ist dazu nicht nötig, dass wir besonders stark und intensiv an Gott und seine Gegenwart glauben. Einen Sinn für die Schöpfung entwickeln die Menschen auf sehr unterschiedliche Weise, und es ist nicht gewiss, dass sie diesen Sinn besonders stark ausprägen, wenn sie vor einem Gott auf die Knie fallen. Schon gar nicht kann man sich durch die Ansprache Gottes aus der Verantwortung für das befreien, was man anderen Menschen, Wesen oder der Welt angetan hat.

Das heißt andererseits auch: Gott straft uns nicht für unser Tun, nicht für die Zerstörung und nicht für das Böse, das wir anderen Lebewesen und Menschen antun. Eine Strafe, wenn man das so nennen kann, kommt nur aus uns selbst, wenn wir unser böses Handeln reflektieren und darunter leiden. Ebenso kommt die Freude am guten Handeln und am Schaffen des Schönen nur aus uns selbst, wenn wir bemerken, trotz aller Widerstände und Schwierigkeiten das Richtige getan zu haben. Gott hat uns die Fähigkeit dazu gegeben, das zu erkennen, aber er teilt uns nicht in direkter Ansprache mit, dass wir etwas Gutes oder Böses getan, etwas Schönes oder Hässliches geschaffen, die Wahrheit gesehen und gesagt oder die Lüge akzeptiert und verbreitet haben.

Schließlich gibt uns Gott auch keine Hoffnung über unser endliches Leben hinaus. Wir haben keine Anhaltspunkte für ein Leben nach dem Tod, für eine Bestrafung oder Belohnung in einem Jenseits gefunden. Unsere endliche Vernunft ist an die Endlichkeit unseres materiellen Lebens gebunden und nichts deutet darauf hin, dass unsere Seele nach dem Ende des Körpers als Seele weiter existiert. Der Sinn meines Lebens muss ganz allein in diesem Leben gefunden werden, im Guten, das ich tue, im Wahren, das ich erkenne und teile, und im Schönen, das ich schaffe.

Schönheit und Geist

Das Erkennen des Schönen ist zweifach. Zuerst ist da die Möglichkeit, etwas ganz spontan, ohne Erklärung und intuitiv als Schön zu erkennen. Dann gibt es aber auch die Möglichkeit, das Schöne zu erkunden, zu entdecken und es erst allmählich als schön zu erkennen. Ich stehe vielleicht ratlos vor einem abstrakten Bild, und jemand erklärt mir, was er daran schön findet, was ihm daran ästhetische Freude bereitet.[i] Er wird mich auf dieses und jenes hinweisen und mich fragen: „Siehst du das? Siehst du, wie schön das ist?“ und irgendwann werde ich es entdecken. Das verweist darauf, dass auch das Erkennen der Schönheit eine gemeinschaftliche Erfahrung ist. Wir können uns das Erfahren von Schönheit voneinander abschauen, und womöglich würde ein Mensch, dem Schönes nie gezeigt wurde, auch niemals Schönes erkennen und erleben. Das können wir aber hier dahingestellt sein lassen, denn auf jeden Fall kann ich, wenn ich mich darauf einlasse und wenn ich es will, von einem anderen lernen, was schön ist.

Allerdings ist dieses Lernen nicht auf formal-rationale Weise möglich. Wir können zwar analysieren und lernen, was in einer Kultur zu einem schönen Ding dazu gehört, aber indem wir diese Merkmale in dem Ding ausfindig machen, erleben wir die Schönheit gerade nicht. Zwar kann uns jemand auf die besonders schönen Proportionen eines Bildes hinweisen, aber ob ich dann wirklich sehe, dass diese Proportionen das ganze Bild schön machen, bleibt fraglich. Das Erlebnis des Schönen erlerne ich von jemandem, indem ich mich auf sein Erleben einlasse. Wenn Bob zu Alice sagt, „Schau, wie schön die Farben dort ineinander wechseln“ dann kommt es für Alices Miterleben des Schönen weniger darauf an, was Bob sagt, sondern wie er es sagt, wie er Alice durch sein Hinweisen in das Erleben der Schönheit der Farbübergänge hineinzieht. Alice wird die Schönheit womöglich dieses Farbenspiels womöglich nie erkennen können, wenn Bob nur formal und rational über den graduellen Wechsel der Farben doziert. Sie wird aber möglicherweise die Schönheit sehen lernen, wenn sie sich von Bobs Begeisterung, wie man sagt, anstecken lässt, wenn sie erlebt, wie er die Schönheit erlebt. Schönheit erleben lernen kann man am Besten indem man ein Erlebnis des Schönen teilt. Es kommt nicht auf das Erörtern der Merkmale des Schönen an, sondern auf die gemeinsame Erfahrung, das „Überspringen des Funkens“.

Dabei muss man sich deutlich machen, dass es bei aller ästhetischen Toleranz einen gewissen Anspruch gibt, dass die Schönheit, die ich selbst sehe, dem anderen auch sichtbar gemacht werden kann. Gesetzt, dass Alice überhaupt nicht versteht, eben nicht nachvollziehen kann, was Bob an diesen Farbübergängen schön findet. Dann wird Bob doch nicht die Gewissheit aufgeben, dass diese Farbverläufe doch wirklich schön sind (wir könnten auch sagen, er wird weiterhin gewiss sein, dass diese Schönheit existiert). Wenn ihm etwas daran liegt, dass auch Alice diese Schönheit erleben kann, dann wird er andere Wege suchen, sein Erleben mit ihr zu teilen. Er wird womöglich nach den Gründen suchen, die verhindern, dass Alice sieht, was ihm klar vor Augen steht. Zwar wird Bob womöglich akzeptieren, dass Alice diese Schönheit nicht erkennen kann, und für diese Akzeptanz sind heute Formulierungen geläufig, die vermuten lassen, dass Schönheit etwas sei, das nur für den Einzelnen existiert und nicht wirklich in der Welt ist. Aber jeder, der schon eine Schönheit ganz gewiss erlebt hat und der versucht hat, diese Gewissheit mit anderen zu teilen, weiß vermutlich auch, dass ihn ein Scheitern dieses Versuchs ratlos zurücklässt, weil es doch irgendwie möglich sein muss, dass auch andere sehen, was er als Schönheit erkennt.

Das ästhetische Erleben von Schönheit bleibt aber nicht an die Gemeinschaft gebunden. Meistens erlebe ich sie spontan und intuitiv. Schönheit erfüllt mich mit Freude, es weckt den Wunsch, zu verweilen und die Schönheit länger zu genießen. Dieses freudige Gefühl kommt über mich, bei einem schönen Anblick, beim Hören einer schönen Musik, kurz, beim Erleben einer schönen Wahrnehmung. Die Freude an der Schönheit und der Wunsch, bei ihr zu verweilen, erweckt das Bedürfnis, das Schöne zu bewahren und zu schützen. Was Schön ist, will ich erhalten, es soll in seiner Schönheit bestehen bleiben, und zwar um dieser Schönheit selbst willen. Der Wunsch, Schönes zu bewahren, ist nicht etwa an den rationalen Gedanken gebunden, dass ich das Erlebnis des Schönen wiederholen können möchte. Selbst wenn ich weiß, dass ich an einen schönen Ort niemals zurückkommen werde, möchte ich das Schöne erhalten. Und wenn ich erfahre, dass etwas Schönes in der Ferne zerstört wurde, schmerzt mich das, unabhängig davon ob ich jemals den Wunsch oder die Absicht hatte, es selbst noch einmal zu erleben.

Das Erleben von Schönheit hat also zuerst etwas mit einem Mit-Erleben zu tun, die Erfahrung des Schönen wird zwischen Menschen geteilt. Was wird da geteilt? Metaphorisch sprechen wir von einem Funken, der von einem zum anderen überspringt. Das Erleben der Schönheit ist ein Licht, eine Flamme, die das Leben des Menschen erhellt und wärmt. Er kann dieses Feuer weitergeben, dann erkennt auch der Andere die Schönheit. Bei dieser Weitergabe spielt die Sprache auch eine Rolle, aber weniger als Übermittler von Informationen hinsichtlich der vorhandenen Merkmale der Schönheit, sondern eher als Hinweisen und Zeigen, verbunden mit einem emotionalen Hineinziehen des Anderen in das Erleben der Schönheit. Sodann ist das Erleben des Schönen auch dem Einzelnen allein möglich – es muss sogar immer möglich sein, denn wenn Bob die Schönheit nicht gerade in diesem Moment erlebt ist er niemals in der Lage, Alice in dieses Erlebnis hineinzuziehen. Wer einmal das Licht des Schönen gesehen hat, in dem wird es immer wieder spontan und intuitiv erleuchten, sobald er dem Schönen erneut begegnet.

Wir sprechen hier von Licht, Funken, Feuer und Flamme. Warum sind diese Metaphern hier richtig? Wenn wir die Schönheit, deren Erkennen und Erleben von einem zum Anderen übertragen werden kann in dem das Erleben geteilt wird, mit diesen Begriffen metaphorisch beschreiben, dann nicht nur, weil die Licht- und Wärme-Metaphern das Erleben der Schönheit richtig beschreiben, sondern weil das Feuer und seine Übertragung auch das Teilen und Verbreiten dieses Erlebens richtig beschreibt. Schönheit erleben ist ein Teilhaben an etwas, das schon da ist. Warum ist aber Schönheit in der Welt? Und warum sind wir Menschen so konstituiert (wir halten hier das naheliegende Wort „gemacht“ zurück), dass wir diese Schönheit erleben, teilen und sogar erzeugen können? Denn zum Erleben des Schönen tritt ja noch hinzu, dass wir selbst Schönheit in die Welt bringen können, dass wir schöne Dinge schaffen können, die andere als schön erleben, und dass wir gemeinsam Schönes tun können, das wir in diesem Tun das Schöne des Tuns erleben können.

Zu diesem gemeinsamen Erleben des Schönen, bei dem das Schöne selbst erst entsteht und sogleich erfahren wird, gehört die Liebe der Menschen zueinander. Wenn wir lieben, erschaffen wir Schönheit in unserem Tun und sind zugleich selbst schön. Die Liebenden erleben die Welt und sich darin als schön und sie erleben ihr eigenes Tun als schön – und sie sind zugleich gewiss, dass diese Schönheit durch ihr gemeinsames Erleben des Schönen entsteht. Auch die Liebe ist ein Teilhaben, denn man liebt am Schönsten, wenn man weiß, dass man geliebt wird.

Warum also sind Schönheit und Liebe in der Welt? Aus biologischen Prinzipen und Gesetzen heraus sind weder ihre Herkunft noch ihr Zweck verständlich. Anders sieht es aus, wenn wir die Tatsache, dass wir sie als Teilhabe erleben, ernst nehmen. Dann stellt sich die Frage: wer lässt uns hier teilhaben? Woran haben wir als Menschen Teil, wenn wir Schönheit erleben?

Plausibel ist, hier einen unendlichen Geist anzunehmen, der uns Menschen mit einem Geist ausgestattet hat, der wie er selbst dazu fähig ist, Schönheit zu erleben, die Schönheit der Welt zu sehen. Dieser unendliche Geist sieht selbst die Schönheit der Welt und möchte, dass wir ebenso diese Schönheit sehen können. Er schafft selbst die schönen Dinge der Welt und möchte, dass wir daran teilhaben können – und er möchte, dass wir als geistige, wenn auch begrenzte Wesen, in der Lage sind, selbst Schönes zu schaffen – damit nehmen wir an seinem Schöpfungsprozess Teil und sind nicht nu Teil der Schöpfung, sondern, als geistige Wesen, eben auch Teil der schöpferischen Kraft.

Dann ist aber die Frage, warum dieser unendliche Geist selbst Schönes erleben und schaffen will. Die Antwort lautet: Im Erleben der Schönheit erlebt der Geist sich selbst. Wenn wir Menschen Schönheit erleben, dann erfahren wir, dass wir mehr sind als nur Materie. Dann erleben wir uns als geistige und schöpferische Wesen. Der Geist, sowohl der unendliche als auch unser endlicher Geist, erlebt im Schönen seine eigene Existenz und den Sinn seines Daseins. Und zugleich sieht er, dass das, was er schaffen kann, wert ist, bewahrt zu werden, denn das Schöne wollen wir erhalten.

[i]         Die folgenden Überlegungen sind von den Arbeiten von Frank Sibley zu ästhetischen Begriffen und die daraus resultierende Diskussion beeinflusst…

Stephen Hawking und die menschliche Intelligenz

An dem Tag, an dem diese Zeilen entstehen, ist der Astrophysiker Stephen Hawking gestorben. Hawking war der Ansicht, dass das menschliche Gehirn, welches er vermutlich als den Sitz des menschlichen Geistes ansah, nicht mehr ist als ein sehr komplexer Computer. Folgerichtig war er auch der Ansicht, dass man einen Gott für die Erklärung aller Dinge einschließlich des menschlichen Geistes, der in diesem Bild quasi nicht mehr ist als die laufende Software im Computer, nicht braucht.

„Stephen Hawking und die menschliche Intelligenz“ weiterlesen

Was ist Philosophie? Kurzer Antwortversuch

Zu meinem Text über Verständlichkeit der Philosophie beim Hohe-Luft-Magazin gab es einen Kommentar, auf den ich geantwortet habe.  Die Antwort ist der versuch einer kurzen Antwort auf die Frage, was Philosophie ist.

Ich denke, Philosophie ist, das zum Gegenstand des Nachdenkens zu machen, was normalerweise gerade nicht Gegenstand des Nachdenkens ist. Normalerweise sprechen wir: Philosophie fragt: Was heißt es, zu sprechen? Normalerweise handeln wir: Philosophie fragt: Was bedeutet es, zu handeln? Wie hängen sprechen und handeln zusammen? Wer spricht? Wer handelt? Usw. Philosophie ist eine Umkehrung der normalen Frage- und Denkrichtung – Reflexion. „Was ist Philosophie? Kurzer Antwortversuch“ weiterlesen

Was kann oder soll Philosophie

Philosophie kann die Stabilität der Grundlagen unseres Lebens (Urteilens und Handelns) prüfen. Wer philosophiert, stellt zunächst mal die selbstverständlichen Annahmen in frage, aus denen er selbst und seine Mitmenschen ihre Entscheidungen treffen. Warum ist das gut? Weil wir immer wieder feststellen, dass „irgendwas nicht stimmen kann“ mit der Art, wie wir die Welt sehen, etwa, weil wir mit anderen Menschen trotz kluger Argumentation nie Einigkeit erzielen, oder weil nicht die Dinge passieren, die wir als Ergebnis unserer Handlungen sicher erwarten.

Da kann man sich immer damit herausreden, dass man eben irgendwas nicht gewusst hat oder dass die wissenschaftliche Theorie, auf die man sich beim handeln vielleicht beruft, noch nicht perfekt ist. Man kann aber auch fragen, ob die Art, wie man die Welt, sich selbst und die Anderen auffasst und versteht, überhaupt so selbstverständlich angemessen ist. „Was kann oder soll Philosophie“ weiterlesen

Wider Heideggers Durchschnittlichkeit

Was ist die Prüfinstanz der phänomenologischen Beschreibung? Folgt man Husserl, dann ist es die Nachvollziehbarkeit dessen, was die Beschreibung sichtbar macht, durch andere. Eine phänomenologische Beschreibung soll etwas sichtbar machen, und sie tut dies zunächst für den, der das Phänomen zu sehen vermeint und es beschreibt. Die Beschreibung hat das Ziel, das Phänomen bei anderen ebenfalls deutlich vor Augen treten zu lassen. Phänomenologie ist in so fern auf der einen Seite ein einsames Geschäft, da es immer der einzelne Phänomenologe ist, der durch Reflexion auf seine Bewusstseinsinhalte und durch kritische Analyse dieser Inhalte zu einer Beschreibung von Phänomenen gelangt. Indem er diese aber aufschreibt und ins phänomenologische Gespräch bringt, setzt er sie der Überprüfung durch andere reflektierende Personen aus – erst in diesem Gespräch bewährt sich die phänomenologische Beschreibung. „Wider Heideggers Durchschnittlichkeit“ weiterlesen

Der Sinn von Sein

Clara: Now, what’s the plan?
The Doctor: Who says I got a plan?
Clara: ‚Course you got a plan, you took that! [Picks up the umbrella]
The Doctor: Maybe I’m an idiot!
Clara: You’re not! You’re clever, really clever.

Nebelschwaden

Dieser Text ist ein Suchen und Klären. Der Leser, der mir womöglich irgendwann einmal auf dem Denkweg folgt, den ich hier zu beschreiten beginne, möge sich am besten vorstellen, dass ich mich, indem ich diese Sätze schreibe, in einer Situation befinde, die dem Wanderer im Nebel gleicht.

Der Nebel verbirgt nicht alles. Er weht in Schwaden um mich herum, hier und da sind einzelne Strukturen klar erkennbar, manchmal erscheint, verschwommen, eine ganze Gestalt. Das, was sich da zeigt, macht den Eindruck, des genauen Verstehens und Beschreibens wert zu sein. Also taste ich mich durch den Nebel und beschreibe, was ich finde, in der Hoffnung, dass alles Notierte am Ende ein Gesamtbild ergibt, welches die verschwommenen Bilder, die immer nur für einem Moment sichtbar sind und flüchtig bleiben, vor dem geistigen Auge zu einem Ganzen zusammenbringt. „Der Sinn von Sein“ weiterlesen

Das Netzwerk der Einzelnen

Seit zweieinhalb Jahrtausenden benutzt die politische Philosophie die gleichen Begriffe: Bürger und Staat, Demokratie, Oligarchie, Monarchie. Liest man bei Aristoteles nach, merkt man schnell, dass diese Begriffe über die lange Zeit ihre Bedeutung nahezu ins Gegenteil verkehrt haben: Das, was heute Demokratie heißt, wäre bei Aristoteles ein auf Wahl basierendes Königtum auf Zeit.

Die Begriffe der politischen Theorie sind heute alle normativ aufgeladen, genauer gesagt, verdorben. Wer würde es in der Tradition des europäischen Abendlandes wagen, gegen die Demokratie zu argumentieren, oder auf der anderen Seite Aspekte des Königtums oder der Aristokratie als sinnvoll herauszustellen?

Gleichzeitig sehen wir die so genannten demokratischen Gesellschaften in einer inneren Legitimationskrise. Die politische Klasse, also jene, die im Namen des Volkes herrschen, besitzt weniger als je zuvor das Vertrauen derer, die ihnen angeblich die Macht verliehen haben. Gleichzeitig gelangen so genannte „starke Männer“ die offen gegen die Institutionen der Demokratie vorgehen, zu allgemeiner Anerkennung. „Das Netzwerk der Einzelnen“ weiterlesen

Was ist Phänomenologie?

Die Methode, die wir hier verwenden, ist die der Phänomenologie, und damit eigentlich eine spezielle Vorgehensweise innerhalb der Philosophie. Es ist bekannt, dass es auch andere Weisen des Philosophierens gibt. Als Phänomenologe ist man davon überzeugt, dass die Phänomenologie eine Methode ist, die die einzige ist, die akzeptiert, dass sie nicht empirisch ist, und dennoch nicht frei schwebt. Denn sie findet ihr Material im Denken, auf das sie denkend reflektiert, im Sprechen, das das Denken kommunizierbar macht, und im Handeln, das sich durch das Denken vom bloßen Verhalten unterscheidet. Die Phänomenologie ist nun eine bestimmte Methode, diese drei zum Gegenstand zu nehmen, und die besteht, kurz gesagt, darin, dass wir an einem konkreten Fall, ob ausgedacht oder real, etwas einsichtig machen, etwas wesentliches, grundsätzliches sichtbar machen. Man nennt diese Schlussweise intuitiv, die Schlussform also die Intuition. Aus der formalen Logik sind die Deduktion und die Induktion bekannt. Bei der Deduktion, die die formalen Logiker als einzige wirklich sichere Schlussform ansehen, wird von etwas Allgemeinem auf den Einzelfall gefolgert. Bei der Induktion, die wir im Alltag oft anwenden, folgert man aus einer großen Zahl von Fällen auf den nächsten Fall und genau genommen auf das Allgemeine. Bei der Intuition hingegen folgern wir aus einem Einzelfall auf das Wesen einer Sache, auf das Allgemeine, das sich in diesem Einzelfall zeigt. „Was ist Phänomenologie?“ weiterlesen