Woraus besteht die Welt? – Einführung.

Woraus die Welt besteht, darüber haben wir im Alltag ein intuitives, einfaches Verständnis. Da sind die Dinge der gegenständlichen Welt, zu denen in gewisser Weise auch die Pflanzen, Tier und Menschen gehören. Da sind die Erzeugnisse der Gesellschaft und der Kultur: Geschichten, Gruppen von Menschen, Theaterstücke, Ausstellungen, Fußballspiele, Staaten und Regierungen. Bei manchen davon gibt es eine gewisse Doppeldeutigkeit, Bücher z.B. sind auf physische Gegenstände. Es gibt Ehepartner, Freunde und Regierungschefs. Sodann gibt es etwas, das weniger gut greifbar ist, wie etwa die Liebe, die Liebe zwischen zwei konkreten Menschen, die Freiheit und meine persönliche Freiheit. Es gibt noch weiteres.

Es scheint im Alltag nicht nur unproblematisch, dass es all das gibt, es erscheint auch unproblematisch, dass es entsteht und verschwindet. Es ist zudem meistens unproblematisch, etwas zu erkennen, einen Menschen z.B. als Freund zu identifizieren, ein Kind als Menschen, eine Gruppe als Organisation, eine Pflanze als sterbend oder verdorrt.

Aber genau besehen fangen hier schnell die Probleme an, und diese Probleme werden ganz schnell grundsätzlich und existenziell. Wann beginnt und wann endet ein einzelnes menschliche Leben? Darüber wird gestritten und manche Menschen glauben, das genau definieren zu können, während andere sich einer solchen genauen Definition verweigern. Es gibt viele solcher und verwandter Probleme. Wann ist eine Menschengruppe eine Organisation? Wann können wir eine gesellschaftliche Struktur als Staat ansehen? Wann hat ein Lebewesen einen Status, aus dem heraus es sich verbietet, es zu töten um es zu essen?

Diese Fragen sind nicht nur schwer zu beantworten, das Problem ist vor allem, dass über solche Fragen unerbittlicher Streit entbrennt, der Menschen entzweit, weil sie jeweils sicher sind, die richtige, vernünftige Antwort zu haben und weil sie deshalb ebenso sicher sind, dass andere Menschen in ihren anderen Antworten falsch liegen.

Im weiteren werde ich den Gedanken entwickeln, dass diese existenziellen Probleme, die uns im Alltag, in der täglichen persönlichen und gesellschaftlichen Debatte so tiefgreifend erschüttern können und dazu geeignet sind, Feindschaften, tiefe Risse zwischen Menschen zu erzeugen, in einer bestimmten Sicht auf die Welt begründet sind, die unserer Kultur tief eingeschrieben sind. Auch wenn das Buch über weite Strecken sehr weit entfernt zu sein scheint von Alltagsfragen, auch wenn man meinen kann, es würde sich bei den Argumentationsgängen oft um abstrakte Spitzfindigkeiten handeln, die mit unseren großen Problemen gar nichts zu tun haben, glaube ich, dass gerade diese Überlegungen zu einem besseren Verständnis unserer Probleme beitragen, die uns daran hindern, über unsere Vorstellungen von der Welt einig zu werden.

Das Projekt hat drei Teile. Im ersten Teil werde ich versuchen, unsere Vorstellungen und Alltagsintuitionen davon, woraus unsere Welt besteht, systematisch zusammenzutragen. Dabei werde ich eine Reihe von Begriffen zunächst weitgehend so verwenden, wie wir sie aus unserem Alltagsgebrauch kennen, ohne diese Bedeutung schon zu reflektieren oder zu problematisieren. Dazu gehören Begriffe wie „Welt“, „Wirklichkeit“ und „Realität“, zum anderen Begriffe wie „Gegenstand“, „Objekt“ und „Ding“, aber auch „Eigenschaft“, „Wesen“, „Natur“. Philosophisch Informierte werden wissen, dass die alltägliche Verwendung dieser Begriffe schon Probleme überdeckt, die das abendländische Denken seit mehr als 2.500 Jahren beunruhigt. Es würde aber die Sichtung der Alltagsintuitionen über den Aufbau der Welt zusätzlich erschweren, wenn wir quasi nebenbei schon all diese Probleme mit in den Blick nehmen würden.

Dies geschieht erst im zweiten Teil, in dem gezeigt wird, welche Probleme die Alltagsintuitionen schaffen und wir uns von den Alltagsintuitionen lösen können, indem wir genauer über sie nachdenken und uns fragen, ob das, was wir ganz selbstverständlich als Grundstruktur der Welt auffassen, tatsächlich alternativlos, notwendig oder gar „a priori“ gegeben ist. Daraus entstehen neue Ansätze zur Sicht auf die Welt – wobei zu diesem Zeitpunkt Begriffe wie „Welt“ und „Wirklichkeit“ soweit geklärt sein werden, dass wir von einer „Sicht auf die Welt“ nicht mehr sprechen können. Zudem sei schon jetzt gesagt, dass „neue Ansätze“ nicht bedeutet, dass diese Ansätze niemals zuvor zur Sprache gekommen sind – im Gegenteil, sie finden sich schon in den Fragmenten der frühesten Philosophen, sie finden sich – wenigstens als Fragestellung, die umkreist wird, immer wieder in der Philosophiegeschichte und sind genau genommen erst in den letzten Jahrzehnten vorübergehend in Vergessenheit geraten – jedenfalls,  wenn man auf das schaut, was als gegenwärtige Philosophie an den Universitäten gelehrt wird.

Im dritten Teil schließlich wird diskutiert, was die gefundenen Ansätze mit den Schwierigkeiten und Problemen der Gegenwart zu tun haben und inwiefern sie helfen können, diese Schwierigkeiten zu überwinden.

Philosophie geht oft stillschweigend von der Annahme aus, dass das Alltagsdenken, das alltägliche Meinen und Annehmen von der Welt irgendwie nicht genug sei, dass es noch kein vollkommenes, noch kein ausreichend eingeübtes Denken sei. Hinter dem Alltagsdenken, so meint man dann, lässt sich noch ein eigentliches Denke finden, ein reflektiertes und dadurch aufmerksameres. Die Philosophie sieht sich dann in der Pflicht, dieses Denken zu finden und zu beschreiben. Dabei besteht jedoch die Gefahr, dass ein neuer Entwurf des Denkens entsteht, etwas, was man für ein richtiges Denken hält, was aber mit dem menschlichen Denken nichts zu tun hat. Dieser Entwurf ist dann geprägt von nicht befragten Vorstellungen über die Welt überhaupt und oft inspiriert von erfolgreichen Kulturtechniken, die ob ihres Erfolges zum Maßstab genommen wurden. Philosophische Logiken, die sich an der so genannten mathematischen Logik orientieren, sind das beste Beispiel für das Gemeinte. Heute meint man gern, das eigentliche Denken sei nach mathematischen, algorithmischen Prinzipien oder mit Konzepten der Regelungs- und Steuerungstechnik zu beschreiben. Es ist nicht verwunderlich, dass man auf diesem Weg auf die Idee kommt, Maschinen oder Computer würden denken können – man beschreibt ja das Denken von vornherein als etwas, was eher Computer und Maschinen tun, und nicht als das, was wir in unserem eigenen Geist als Denken vorfinden und beobachten können.

Im Folgenden gehen wir davon aus, dass die Philosophie sich des Entwurfs eines Denkens enthalten sollte, in jedem Falle aber ist es gefährlich, solche Entwürfe, die oft stillschweigend Normen und Ideale aus anderen Bereichen der Welterfahrung entliehen haben, als reflektiertes, reines und damit besseres Denken zu beschreiben, als es das Alltagsdenken ist. Wir sind im ersten Schritt damit zufrieden, das Alltagsdenken richtig zu beschreiben. Im Verhältnis zwischen mir, dem Autor, und einer idealen Leserin bedeutet dies, dass die Leserin das, was ich im folgenden Kapitel beschreibe, in ihrem eigenen Denken überprüfen kann und auch so vorfindet, wie es von mir dargestellt wird. Von den im folgenden entwickelten Beschreibungen kann nichts objektiv bewiesen oder im Sinne einer positiven Wissenschaft empirisch belegt werden. Es findet seine Bestätigung im reflektierenden Nachdenken der Leserin.

Es mag sein, dass diese Bestätigung ausbleibt und dass die Leserin anderes in ihrem eigenen Denken erlebt, als es von mir beschrieben wird. Die Beschreibungen des folgenden Kapitels können nicht den Anspruch auf Gültigkeit für jeden Menschen haben, genau das ist die leitende Idee des darauffolgenden Abschnitts. Im besten Fall wird die Leserin, die mit ihrem eigenen Denken andere Erfahrungen macht als ich sie aus der Beobachtung meines eigenen Denkens beschreibe, diese Erfahrungen in die Lektüre dieses zweiten Abschnitts mitnehmen und prüfen, ob wir dort wieder zusammenfinden.

Eine letzte Vorbemerkung. Ein Anlass für die folgende Untersuchung war die Beobachtung, dass es ein Problem des Philosophierens ist, dass es erst beginnt, wenn die Entstehung dessen, worüber philosophiert werden soll, schon ins Vergessen geraten ist. Jeder von uns hat auf irgendwann in seiner Kindheit das Denken gelernt, das Erkennen und das Beurteilen, das Schlussfolgern und das Einordnen, aber wie wir das gelernt haben, haben wir vergessen. Und lange bevor wir zum ersten Mal über das Denken selbst nachgedacht haben, haben wir längst vergessen, wie unsere jeweilige Fähigkeit, genau so zu denken, wie wir es tun, entstanden ist. Wir haben es nie gewusst, weil das Denken selbst, während wir es lernten, nie in unserem Denken auftauchte, sodass wir vom Denken selbst, indem wir es taten, nichts wussten, und uns deshalb darüber auch nichts merken konnten.

So findet das Philosophieren immer etwas vor, was als selbstverständlich erscheint. Man meint zwar, das Philosophieren würde mit dem Wundern über das Selbstverständliche beginnen, aber es ist fraglich, ob man sich wirklich über alles wundern kann.

Dazu tritt, dass es nicht das Alltagsdenken ist, welches sich über sich selbst wundert, sondern das reflektierende Denken. Im Alltag wundern wir uns nicht darüber, wie selbstverständlich uns die Welt erscheint – dann wäre sie ja nicht selbstverständlich. Der Modus des philosophischen Denkens ist von Beginn an schon ein außergewöhnlicher, besonderer Modus – wobei es verfehlt wäre, diese Attribute aus Wertung zu verstehen, als ob das philosophische Denken das bessere Denken gegenüber dem Alltagsdenken ist. Es ist das andere Denken gegenüber dem Alltagsdenken, es hat sich diesem gegenüber auf Distanz gebracht und aus dieser Distanz wendet es sich zum Alltagsdenken zurück – so meint es jedenfalls. Den Prozess der eigenen Entfernung, des Abrückens vom Alltagsdenken hat das philosophische Denken zumeist nicht kontrolliert oder auch nur bewusst vollzogen. Es findet sich plötzlich in dem anderen, philosophischen Modus des Denkens wieder, und es kann durchaus sein, dass es diesen Modus für den selbstverständlichen, vor allem aber für den reiferen Denkmodus hält. Er ist aber gerade nicht der Modus, in dem die Menschen ihre Alltagsprobleme lösen, handeln, um in der Welt zurecht zu kommen, moralische Urteile treffen und so weiter.

Die Gefahr besteht, dass das philosophische Denken sich selbst zum Maßstab nimmt, sich selbst für das eigentliche Denken hält, das es philosophisch zu beschreiben gälte. Dann würde jedoch die Philosophie Gefahr laufen, für den Alltag gar keine Bedeutung mehr zu haben, mit dem, was Menschen Sorgen macht, was ihnen misslingt, was ihnen unverständlich bleibt, gar nichts mehr zu tun zu haben, weil der Gegenstand der Philosophie vom Leben nicht nur graduell, durch Abstraktion oder Wesenseinsicht, getrennt wäre, sondern durch einen Abgrund, der nicht einmal sichtbar gemacht wird, weil die Philosophierenden ihr eigenes philosophisches Denken, nicht das Alltagsdenken, mit dem sie Urlaubsentscheidungen treffen, sich verlieben oder eine defekte Lampe austauschen, für das eigentliche Denken halten.

Umso mehr man sich vom Alltäglichen entfernt, über das man sich zu wundern meinte, desto mehr gerät man in einen Bereich neuer Selbstverständlichkeiten, die scheinbar unumstößlich, elementar, ursprünglich sind. Die folgenden Betrachtungen sind der Versuch, diese neuen, philosophisch anmutenden Selbstverständlichkeiten in drei Schritten zu vermeiden: Zuerst, indem wir dir tatsächlichen Alltags-Selbstverständlichkeiten möglichst zusammenhängend als selbstverständliches Gerüst unseres Denkens und Vorstellens über die Welt beschreiben. Sodann, indem wir uns über das begrenzte und Ungenügende dieses Gerüstes klar werden, indem wir zeigen, wo es genau genommen andauernd auch im Alltag scheitert. Schließlich, indem wir nach Alternativen Ausschau halten, die dieses Scheitern vermeiden oder wenigstens erträglicher machen. Dabei sollte uns immer im Bewusstsein bleiben, dass dieses Ausschau-Halten von eben diesem schwachen, unzureichenden Gerüst aus geschieht, dessen Schwächen wir gerade bemerkt haben werden.

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