Schönheit und Geist

Das Erkennen des Schönen ist zweifach. Zuerst ist da die Möglichkeit, etwas ganz spontan, ohne Erklärung und intuitiv als Schön zu erkennen. Dann gibt es aber auch die Möglichkeit, das Schöne zu erkunden, zu entdecken und es erst allmählich als schön zu erkennen. Ich stehe vielleicht ratlos vor einem abstrakten Bild, und jemand erklärt mir, was er daran schön findet, was ihm daran ästhetische Freude bereitet.[i] Er wird mich auf dieses und jenes hinweisen und mich fragen: „Siehst du das? Siehst du, wie schön das ist?“ und irgendwann werde ich es entdecken. Das verweist darauf, dass auch das Erkennen der Schönheit eine gemeinschaftliche Erfahrung ist. Wir können uns das Erfahren von Schönheit voneinander abschauen, und womöglich würde ein Mensch, dem Schönes nie gezeigt wurde, auch niemals Schönes erkennen und erleben. Das können wir aber hier dahingestellt sein lassen, denn auf jeden Fall kann ich, wenn ich mich darauf einlasse und wenn ich es will, von einem anderen lernen, was schön ist.

Allerdings ist dieses Lernen nicht auf formal-rationale Weise möglich. Wir können zwar analysieren und lernen, was in einer Kultur zu einem schönen Ding dazu gehört, aber indem wir diese Merkmale in dem Ding ausfindig machen, erleben wir die Schönheit gerade nicht. Zwar kann uns jemand auf die besonders schönen Proportionen eines Bildes hinweisen, aber ob ich dann wirklich sehe, dass diese Proportionen das ganze Bild schön machen, bleibt fraglich. Das Erlebnis des Schönen erlerne ich von jemandem, indem ich mich auf sein Erleben einlasse. Wenn Bob zu Alice sagt, „Schau, wie schön die Farben dort ineinander wechseln“ dann kommt es für Alices Miterleben des Schönen weniger darauf an, was Bob sagt, sondern wie er es sagt, wie er Alice durch sein Hinweisen in das Erleben der Schönheit der Farbübergänge hineinzieht. Alice wird die Schönheit womöglich dieses Farbenspiels womöglich nie erkennen können, wenn Bob nur formal und rational über den graduellen Wechsel der Farben doziert. Sie wird aber möglicherweise die Schönheit sehen lernen, wenn sie sich von Bobs Begeisterung, wie man sagt, anstecken lässt, wenn sie erlebt, wie er die Schönheit erlebt. Schönheit erleben lernen kann man am Besten indem man ein Erlebnis des Schönen teilt. Es kommt nicht auf das Erörtern der Merkmale des Schönen an, sondern auf die gemeinsame Erfahrung, das „Überspringen des Funkens“.

Dabei muss man sich deutlich machen, dass es bei aller ästhetischen Toleranz einen gewissen Anspruch gibt, dass die Schönheit, die ich selbst sehe, dem anderen auch sichtbar gemacht werden kann. Gesetzt, dass Alice überhaupt nicht versteht, eben nicht nachvollziehen kann, was Bob an diesen Farbübergängen schön findet. Dann wird Bob doch nicht die Gewissheit aufgeben, dass diese Farbverläufe doch wirklich schön sind (wir könnten auch sagen, er wird weiterhin gewiss sein, dass diese Schönheit existiert). Wenn ihm etwas daran liegt, dass auch Alice diese Schönheit erleben kann, dann wird er andere Wege suchen, sein Erleben mit ihr zu teilen. Er wird womöglich nach den Gründen suchen, die verhindern, dass Alice sieht, was ihm klar vor Augen steht. Zwar wird Bob womöglich akzeptieren, dass Alice diese Schönheit nicht erkennen kann, und für diese Akzeptanz sind heute Formulierungen geläufig, die vermuten lassen, dass Schönheit etwas sei, das nur für den Einzelnen existiert und nicht wirklich in der Welt ist. Aber jeder, der schon eine Schönheit ganz gewiss erlebt hat und der versucht hat, diese Gewissheit mit anderen zu teilen, weiß vermutlich auch, dass ihn ein Scheitern dieses Versuchs ratlos zurücklässt, weil es doch irgendwie möglich sein muss, dass auch andere sehen, was er als Schönheit erkennt.

Das ästhetische Erleben von Schönheit bleibt aber nicht an die Gemeinschaft gebunden. Meistens erlebe ich sie spontan und intuitiv. Schönheit erfüllt mich mit Freude, es weckt den Wunsch, zu verweilen und die Schönheit länger zu genießen. Dieses freudige Gefühl kommt über mich, bei einem schönen Anblick, beim Hören einer schönen Musik, kurz, beim Erleben einer schönen Wahrnehmung. Die Freude an der Schönheit und der Wunsch, bei ihr zu verweilen, erweckt das Bedürfnis, das Schöne zu bewahren und zu schützen. Was Schön ist, will ich erhalten, es soll in seiner Schönheit bestehen bleiben, und zwar um dieser Schönheit selbst willen. Der Wunsch, Schönes zu bewahren, ist nicht etwa an den rationalen Gedanken gebunden, dass ich das Erlebnis des Schönen wiederholen können möchte. Selbst wenn ich weiß, dass ich an einen schönen Ort niemals zurückkommen werde, möchte ich das Schöne erhalten. Und wenn ich erfahre, dass etwas Schönes in der Ferne zerstört wurde, schmerzt mich das, unabhängig davon ob ich jemals den Wunsch oder die Absicht hatte, es selbst noch einmal zu erleben.

Das Erleben von Schönheit hat also zuerst etwas mit einem Mit-Erleben zu tun, die Erfahrung des Schönen wird zwischen Menschen geteilt. Was wird da geteilt? Metaphorisch sprechen wir von einem Funken, der von einem zum anderen überspringt. Das Erleben der Schönheit ist ein Licht, eine Flamme, die das Leben des Menschen erhellt und wärmt. Er kann dieses Feuer weitergeben, dann erkennt auch der Andere die Schönheit. Bei dieser Weitergabe spielt die Sprache auch eine Rolle, aber weniger als Übermittler von Informationen hinsichtlich der vorhandenen Merkmale der Schönheit, sondern eher als Hinweisen und Zeigen, verbunden mit einem emotionalen Hineinziehen des Anderen in das Erleben der Schönheit. Sodann ist das Erleben des Schönen auch dem Einzelnen allein möglich – es muss sogar immer möglich sein, denn wenn Bob die Schönheit nicht gerade in diesem Moment erlebt ist er niemals in der Lage, Alice in dieses Erlebnis hineinzuziehen. Wer einmal das Licht des Schönen gesehen hat, in dem wird es immer wieder spontan und intuitiv erleuchten, sobald er dem Schönen erneut begegnet.

Wir sprechen hier von Licht, Funken, Feuer und Flamme. Warum sind diese Metaphern hier richtig? Wenn wir die Schönheit, deren Erkennen und Erleben von einem zum Anderen übertragen werden kann in dem das Erleben geteilt wird, mit diesen Begriffen metaphorisch beschreiben, dann nicht nur, weil die Licht- und Wärme-Metaphern das Erleben der Schönheit richtig beschreiben, sondern weil das Feuer und seine Übertragung auch das Teilen und Verbreiten dieses Erlebens richtig beschreibt. Schönheit erleben ist ein Teilhaben an etwas, das schon da ist. Warum ist aber Schönheit in der Welt? Und warum sind wir Menschen so konstituiert (wir halten hier das naheliegende Wort „gemacht“ zurück), dass wir diese Schönheit erleben, teilen und sogar erzeugen können? Denn zum Erleben des Schönen tritt ja noch hinzu, dass wir selbst Schönheit in die Welt bringen können, dass wir schöne Dinge schaffen können, die andere als schön erleben, und dass wir gemeinsam Schönes tun können, das wir in diesem Tun das Schöne des Tuns erleben können.

Zu diesem gemeinsamen Erleben des Schönen, bei dem das Schöne selbst erst entsteht und sogleich erfahren wird, gehört die Liebe der Menschen zueinander. Wenn wir lieben, erschaffen wir Schönheit in unserem Tun und sind zugleich selbst schön. Die Liebenden erleben die Welt und sich darin als schön und sie erleben ihr eigenes Tun als schön – und sie sind zugleich gewiss, dass diese Schönheit durch ihr gemeinsames Erleben des Schönen entsteht. Auch die Liebe ist ein Teilhaben, denn man liebt am Schönsten, wenn man weiß, dass man geliebt wird.

Warum also sind Schönheit und Liebe in der Welt? Aus biologischen Prinzipen und Gesetzen heraus sind weder ihre Herkunft noch ihr Zweck verständlich. Anders sieht es aus, wenn wir die Tatsache, dass wir sie als Teilhabe erleben, ernst nehmen. Dann stellt sich die Frage: wer lässt uns hier teilhaben? Woran haben wir als Menschen Teil, wenn wir Schönheit erleben?

Plausibel ist, hier einen unendlichen Geist anzunehmen, der uns Menschen mit einem Geist ausgestattet hat, der wie er selbst dazu fähig ist, Schönheit zu erleben, die Schönheit der Welt zu sehen. Dieser unendliche Geist sieht selbst die Schönheit der Welt und möchte, dass wir ebenso diese Schönheit sehen können. Er schafft selbst die schönen Dinge der Welt und möchte, dass wir daran teilhaben können – und er möchte, dass wir als geistige, wenn auch begrenzte Wesen, in der Lage sind, selbst Schönes zu schaffen – damit nehmen wir an seinem Schöpfungsprozess Teil und sind nicht nu Teil der Schöpfung, sondern, als geistige Wesen, eben auch Teil der schöpferischen Kraft.

Dann ist aber die Frage, warum dieser unendliche Geist selbst Schönes erleben und schaffen will. Die Antwort lautet: Im Erleben der Schönheit erlebt der Geist sich selbst. Wenn wir Menschen Schönheit erleben, dann erfahren wir, dass wir mehr sind als nur Materie. Dann erleben wir uns als geistige und schöpferische Wesen. Der Geist, sowohl der unendliche als auch unser endlicher Geist, erlebt im Schönen seine eigene Existenz und den Sinn seines Daseins. Und zugleich sieht er, dass das, was er schaffen kann, wert ist, bewahrt zu werden, denn das Schöne wollen wir erhalten.

[i]         Die folgenden Überlegungen sind von den Arbeiten von Frank Sibley zu ästhetischen Begriffen und die daraus resultierende Diskussion beeinflusst…

Wider Heideggers Durchschnittlichkeit

Was ist die Prüfinstanz der phänomenologischen Beschreibung? Folgt man Husserl, dann ist es die Nachvollziehbarkeit dessen, was die Beschreibung sichtbar macht, durch andere. Eine phänomenologische Beschreibung soll etwas sichtbar machen, und sie tut dies zunächst für den, der das Phänomen zu sehen vermeint und es beschreibt. Die Beschreibung hat das Ziel, das Phänomen bei anderen ebenfalls deutlich vor Augen treten zu lassen. Phänomenologie ist in so fern auf der einen Seite ein einsames Geschäft, da es immer der einzelne Phänomenologe ist, der durch Reflexion auf seine Bewusstseinsinhalte und durch kritische Analyse dieser Inhalte zu einer Beschreibung von Phänomenen gelangt. Indem er diese aber aufschreibt und ins phänomenologische Gespräch bringt, setzt er sie der Überprüfung durch andere reflektierende Personen aus – erst in diesem Gespräch bewährt sich die phänomenologische Beschreibung. „Wider Heideggers Durchschnittlichkeit“ weiterlesen

Der Sinn von Sein

Clara: Now, what’s the plan?
The Doctor: Who says I got a plan?
Clara: ‚Course you got a plan, you took that! [Picks up the umbrella]
The Doctor: Maybe I’m an idiot!
Clara: You’re not! You’re clever, really clever.

Nebelschwaden

Dieser Text ist ein Suchen und Klären. Der Leser, der mir womöglich irgendwann einmal auf dem Denkweg folgt, den ich hier zu beschreiten beginne, möge sich am besten vorstellen, dass ich mich, indem ich diese Sätze schreibe, in einer Situation befinde, die dem Wanderer im Nebel gleicht.

Der Nebel verbirgt nicht alles. Er weht in Schwaden um mich herum, hier und da sind einzelne Strukturen klar erkennbar, manchmal erscheint, verschwommen, eine ganze Gestalt. Das, was sich da zeigt, macht den Eindruck, des genauen Verstehens und Beschreibens wert zu sein. Also taste ich mich durch den Nebel und beschreibe, was ich finde, in der Hoffnung, dass alles Notierte am Ende ein Gesamtbild ergibt, welches die verschwommenen Bilder, die immer nur für einem Moment sichtbar sind und flüchtig bleiben, vor dem geistigen Auge zu einem Ganzen zusammenbringt. „Der Sinn von Sein“ weiterlesen

Was ist Phänomenologie?

Die Methode, die wir hier verwenden, ist die der Phänomenologie, und damit eigentlich eine spezielle Vorgehensweise innerhalb der Philosophie. Es ist bekannt, dass es auch andere Weisen des Philosophierens gibt. Als Phänomenologe ist man davon überzeugt, dass die Phänomenologie eine Methode ist, die die einzige ist, die akzeptiert, dass sie nicht empirisch ist, und dennoch nicht frei schwebt. Denn sie findet ihr Material im Denken, auf das sie denkend reflektiert, im Sprechen, das das Denken kommunizierbar macht, und im Handeln, das sich durch das Denken vom bloßen Verhalten unterscheidet. Die Phänomenologie ist nun eine bestimmte Methode, diese drei zum Gegenstand zu nehmen, und die besteht, kurz gesagt, darin, dass wir an einem konkreten Fall, ob ausgedacht oder real, etwas einsichtig machen, etwas wesentliches, grundsätzliches sichtbar machen. Man nennt diese Schlussweise intuitiv, die Schlussform also die Intuition. Aus der formalen Logik sind die Deduktion und die Induktion bekannt. Bei der Deduktion, die die formalen Logiker als einzige wirklich sichere Schlussform ansehen, wird von etwas Allgemeinem auf den Einzelfall gefolgert. Bei der Induktion, die wir im Alltag oft anwenden, folgert man aus einer großen Zahl von Fällen auf den nächsten Fall und genau genommen auf das Allgemeine. Bei der Intuition hingegen folgern wir aus einem Einzelfall auf das Wesen einer Sache, auf das Allgemeine, das sich in diesem Einzelfall zeigt. „Was ist Phänomenologie?“ weiterlesen

Die Logischen Untersuchungen. Husserls Weg zur Wesenserkenntnis

Edmund Husserl hat seine phänomenologische Methode in einem Zeitraum von fast vier Jahrzehnten entwickelt. Sein Werk enthält neben konkreten phänomenologischen Analysen immer wieder Überlegungen zur Methode selbst. Das hat zwei Gründe. Zum einen ging Husserl davon aus, dass seine Methode den meisten seiner Leser fremd war. Nur durch umfangreiche Erläuterungen schien es Husserl möglich, die eigentlichen Untersuchungen und Ergebnisse verständlich zu machen. Dies wurde ihm durch die Erfahrung bestätigt, dass die Werke und ihre Resultate durch die Leser und Kritiker immer wieder missverstanden und falsch interpretiert wurden. Deshalb schien es Husserl nötig, seine Methode immer wieder auf neue Weise ausführlich zu erläutern. Zum anderen entwickelte Husserl seine Methode im Laufe der Zeit weiter, weil er bemerkte, dass er bei konkreten Analysen an Grenzen stieß. „Die Logischen Untersuchungen. Husserls Weg zur Wesenserkenntnis“ weiterlesen

Husserl und Heidegger (ein Vorwort)

Im Jahr 1946 notiert Martin Heidegger:  „Der phänomenologische Ruf ‚zu den Sachen selbst’, nämlich entgegen dem Erfinden von Theorien und Verrechnen von Ansichten, bleibt in der Geschichte des Denkens ein unverlierbares Verdienst. Doch dieser Ruf trägt nicht weit genug; er wird sogar leicht zur Gefahr, daß in der phänomenologischen Auslegung und Beschreibung das Denken ausbleibt.“[1] Heidegger kennzeichnet sein eigenes Denken hier in der Tradition der Phänomenologie seines Lehrers Edmund Husserl, glaubt aber gleichzeitig, weit über diese Position hinausgehen zu müssen und auch weit darüber hinaus zu gehen. „Husserl und Heidegger (ein Vorwort)“ weiterlesen