Die Herkunft der digitalen Welt

Digitalisierung ist in aller Munde. Aber wo kommt der Trend zur digitalen Welt her? Warum wollen oder müssen wir alles digitalisieren? Darüber habe ich einen Aufsatz geschrieben, der in der Zeitschrift für Kulturphilosophie (2018/1) erschienen ist. Darin heißt es u.a.:

Die These dieses Aufsatzes lautet, dass nicht die Computerisierung, Virtualisierung und elektronische Vernetzung erst eine digitale Welt geschaffen und deren Existenzweisen hervorgebracht haben, sondern dass umgekehrt eine schon lange digitalisierte Welt sich ihre Technik gefordert und geschaffen hat, die wir heute überall als dominante Digitalisierung wahrnehmen.

Das Manuskript einer Vorab-Version kann hier heruntergeladen werden:
Die Herkunft der digitalen Welt.

Schönheit und Geist

Das Erkennen des Schönen ist zweifach. Zuerst ist da die Möglichkeit, etwas ganz spontan, ohne Erklärung und intuitiv als Schön zu erkennen. Dann gibt es aber auch die Möglichkeit, das Schöne zu erkunden, zu entdecken und es erst allmählich als schön zu erkennen. Ich stehe vielleicht ratlos vor einem abstrakten Bild, und jemand erklärt mir, was er daran schön findet, was ihm daran ästhetische Freude bereitet.[i] Er wird mich auf dieses und jenes hinweisen und mich fragen: „Siehst du das? Siehst du, wie schön das ist?“ und irgendwann werde ich es entdecken. Das verweist darauf, dass auch das Erkennen der Schönheit eine gemeinschaftliche Erfahrung ist. Wir können uns das Erfahren von Schönheit voneinander abschauen, und womöglich würde ein Mensch, dem Schönes nie gezeigt wurde, auch niemals Schönes erkennen und erleben. Das können wir aber hier dahingestellt sein lassen, denn auf jeden Fall kann ich, wenn ich mich darauf einlasse und wenn ich es will, von einem anderen lernen, was schön ist.

Allerdings ist dieses Lernen nicht auf formal-rationale Weise möglich. Wir können zwar analysieren und lernen, was in einer Kultur zu einem schönen Ding dazu gehört, aber indem wir diese Merkmale in dem Ding ausfindig machen, erleben wir die Schönheit gerade nicht. Zwar kann uns jemand auf die besonders schönen Proportionen eines Bildes hinweisen, aber ob ich dann wirklich sehe, dass diese Proportionen das ganze Bild schön machen, bleibt fraglich. Das Erlebnis des Schönen erlerne ich von jemandem, indem ich mich auf sein Erleben einlasse. Wenn Bob zu Alice sagt, „Schau, wie schön die Farben dort ineinander wechseln“ dann kommt es für Alices Miterleben des Schönen weniger darauf an, was Bob sagt, sondern wie er es sagt, wie er Alice durch sein Hinweisen in das Erleben der Schönheit der Farbübergänge hineinzieht. Alice wird die Schönheit womöglich dieses Farbenspiels womöglich nie erkennen können, wenn Bob nur formal und rational über den graduellen Wechsel der Farben doziert. Sie wird aber möglicherweise die Schönheit sehen lernen, wenn sie sich von Bobs Begeisterung, wie man sagt, anstecken lässt, wenn sie erlebt, wie er die Schönheit erlebt. Schönheit erleben lernen kann man am Besten indem man ein Erlebnis des Schönen teilt. Es kommt nicht auf das Erörtern der Merkmale des Schönen an, sondern auf die gemeinsame Erfahrung, das „Überspringen des Funkens“. „Schönheit und Geist“ weiterlesen

Wider Heideggers Durchschnittlichkeit

Was ist die Prüfinstanz der phänomenologischen Beschreibung? Folgt man Husserl, dann ist es die Nachvollziehbarkeit dessen, was die Beschreibung sichtbar macht, durch andere. Eine phänomenologische Beschreibung soll etwas sichtbar machen, und sie tut dies zunächst für den, der das Phänomen zu sehen vermeint und es beschreibt. Die Beschreibung hat das Ziel, das Phänomen bei anderen ebenfalls deutlich vor Augen treten zu lassen. Phänomenologie ist in so fern auf der einen Seite ein einsames Geschäft, da es immer der einzelne Phänomenologe ist, der durch Reflexion auf seine Bewusstseinsinhalte und durch kritische Analyse dieser Inhalte zu einer Beschreibung von Phänomenen gelangt. Indem er diese aber aufschreibt und ins phänomenologische Gespräch bringt, setzt er sie der Überprüfung durch andere reflektierende Personen aus – erst in diesem Gespräch bewährt sich die phänomenologische Beschreibung. „Wider Heideggers Durchschnittlichkeit“ weiterlesen

Der Sinn von Sein

Clara: Now, what’s the plan?
The Doctor: Who says I got a plan?
Clara: ‚Course you got a plan, you took that! [Picks up the umbrella]
The Doctor: Maybe I’m an idiot!
Clara: You’re not! You’re clever, really clever.

Nebelschwaden

Dieser Text ist ein Suchen und Klären. Der Leser, der mir womöglich irgendwann einmal auf dem Denkweg folgt, den ich hier zu beschreiten beginne, möge sich am besten vorstellen, dass ich mich, indem ich diese Sätze schreibe, in einer Situation befinde, die dem Wanderer im Nebel gleicht.

Der Nebel verbirgt nicht alles. Er weht in Schwaden um mich herum, hier und da sind einzelne Strukturen klar erkennbar, manchmal erscheint, verschwommen, eine ganze Gestalt. Das, was sich da zeigt, macht den Eindruck, des genauen Verstehens und Beschreibens wert zu sein. Also taste ich mich durch den Nebel und beschreibe, was ich finde, in der Hoffnung, dass alles Notierte am Ende ein Gesamtbild ergibt, welches die verschwommenen Bilder, die immer nur für einem Moment sichtbar sind und flüchtig bleiben, vor dem geistigen Auge zu einem Ganzen zusammenbringt. „Der Sinn von Sein“ weiterlesen

Was ist Phänomenologie?

Die Methode, die wir hier verwenden, ist die der Phänomenologie, und damit eigentlich eine spezielle Vorgehensweise innerhalb der Philosophie. Es ist bekannt, dass es auch andere Weisen des Philosophierens gibt. Als Phänomenologe ist man davon überzeugt, dass die Phänomenologie eine Methode ist, die die einzige ist, die akzeptiert, dass sie nicht empirisch ist, und dennoch nicht frei schwebt. Denn sie findet ihr Material im Denken, auf das sie denkend reflektiert, im Sprechen, das das Denken kommunizierbar macht, und im Handeln, das sich durch das Denken vom bloßen Verhalten unterscheidet. Die Phänomenologie ist nun eine bestimmte Methode, diese drei zum Gegenstand zu nehmen, und die besteht, kurz gesagt, darin, dass wir an einem konkreten Fall, ob ausgedacht oder real, etwas einsichtig machen, etwas wesentliches, grundsätzliches sichtbar machen. Man nennt diese Schlussweise intuitiv, die Schlussform also die Intuition. Aus der formalen Logik sind die Deduktion und die Induktion bekannt. Bei der Deduktion, die die formalen Logiker als einzige wirklich sichere Schlussform ansehen, wird von etwas Allgemeinem auf den Einzelfall gefolgert. Bei der Induktion, die wir im Alltag oft anwenden, folgert man aus einer großen Zahl von Fällen auf den nächsten Fall und genau genommen auf das Allgemeine. Bei der Intuition hingegen folgern wir aus einem Einzelfall auf das Wesen einer Sache, auf das Allgemeine, das sich in diesem Einzelfall zeigt. „Was ist Phänomenologie?“ weiterlesen

Die Logischen Untersuchungen. Husserls Weg zur Wesenserkenntnis

Edmund Husserl hat seine phänomenologische Methode in einem Zeitraum von fast vier Jahrzehnten entwickelt. Sein Werk enthält neben konkreten phänomenologischen Analysen immer wieder Überlegungen zur Methode selbst. Das hat zwei Gründe. Zum einen ging Husserl davon aus, dass seine Methode den meisten seiner Leser fremd war. Nur durch umfangreiche Erläuterungen schien es Husserl möglich, die eigentlichen Untersuchungen und Ergebnisse verständlich zu machen. Dies wurde ihm durch die Erfahrung bestätigt, dass die Werke und ihre Resultate durch die Leser und Kritiker immer wieder missverstanden und falsch interpretiert wurden. Deshalb schien es Husserl nötig, seine Methode immer wieder auf neue Weise ausführlich zu erläutern. Zum anderen entwickelte Husserl seine Methode im Laufe der Zeit weiter, weil er bemerkte, dass er bei konkreten Analysen an Grenzen stieß. „Die Logischen Untersuchungen. Husserls Weg zur Wesenserkenntnis“ weiterlesen

Husserl und Heidegger (ein Vorwort)

Im Jahr 1946 notiert Martin Heidegger:  „Der phänomenologische Ruf ‚zu den Sachen selbst’, nämlich entgegen dem Erfinden von Theorien und Verrechnen von Ansichten, bleibt in der Geschichte des Denkens ein unverlierbares Verdienst. Doch dieser Ruf trägt nicht weit genug; er wird sogar leicht zur Gefahr, daß in der phänomenologischen Auslegung und Beschreibung das Denken ausbleibt.“[1] Heidegger kennzeichnet sein eigenes Denken hier in der Tradition der Phänomenologie seines Lehrers Edmund Husserl, glaubt aber gleichzeitig, weit über diese Position hinausgehen zu müssen und auch weit darüber hinaus zu gehen. „Husserl und Heidegger (ein Vorwort)“ weiterlesen