Was kann oder soll Philosophie

Philosophie kann die Stabilität der Grundlagen unseres Lebens (Urteilens und Handelns) prüfen. Wer philosophiert, stellt zunächst mal die selbstverständlichen Annahmen in frage, aus denen er selbst und seine Mitmenschen ihre Entscheidungen treffen. Warum ist das gut? Weil wir immer wieder feststellen, dass „irgendwas nicht stimmen kann“ mit der Art, wie wir die Welt sehen, etwa, weil wir mit anderen Menschen trotz kluger Argumentation nie Einigkeit erzielen, oder weil nicht die Dinge passieren, die wir als Ergebnis unserer Handlungen sicher erwarten.

Da kann man sich immer damit herausreden, dass man eben irgendwas nicht gewusst hat oder dass die wissenschaftliche Theorie, auf die man sich beim handeln vielleicht beruft, noch nicht perfekt ist. Man kann aber auch fragen, ob die Art, wie man die Welt, sich selbst und die Anderen auffasst und versteht, überhaupt so selbstverständlich angemessen ist. „Was kann oder soll Philosophie“ weiterlesen

Wider Heideggers Durchschnittlichkeit

Was ist die Prüfinstanz der phänomenologischen Beschreibung? Folgt man Husserl, dann ist es die Nachvollziehbarkeit dessen, was die Beschreibung sichtbar macht, durch andere. Eine phänomenologische Beschreibung soll etwas sichtbar machen, und sie tut dies zunächst für den, der das Phänomen zu sehen vermeint und es beschreibt. Die Beschreibung hat das Ziel, das Phänomen bei anderen ebenfalls deutlich vor Augen treten zu lassen. Phänomenologie ist in so fern auf der einen Seite ein einsames Geschäft, da es immer der einzelne Phänomenologe ist, der durch Reflexion auf seine Bewusstseinsinhalte und durch kritische Analyse dieser Inhalte zu einer Beschreibung von Phänomenen gelangt. Indem er diese aber aufschreibt und ins phänomenologische Gespräch bringt, setzt er sie der Überprüfung durch andere reflektierende Personen aus – erst in diesem Gespräch bewährt sich die phänomenologische Beschreibung.

Das Phänomenologische Gespräch

Die Dynamik dieses Gesprächs und sein Beitrag zum Gewinnen der Phänomene ist vermutlich noch nicht genügend gewürdigt und selbst noch nicht zur Genüge beschrieben worden. Wahrscheinlich wäre es nötig, einen Phänomenologie des phänomenologischen Gesprächs selbst zu verfassen um sichtbar zu machen, wie die Phänomenologie zu gerechtfertigten Beschreibungen ihrer Gegenstände gelangt. Das kann und soll hier im folgenden noch nicht geleistet werden. Vielmehr soll ein solches Gespräch aufgenommen werden, auch wenn der, dessen phänomenologischer Gedankengang aufgegriffen wird, sich selbst nicht mehr äußern kann.

Phänomenologische Beschreibungen laufen schnell Gefahr, eine Suggestionswirkung zu entfalten. Gerade wenn ihre Begriffe aus einer fundamentalen Kritik des oberflächlichen Scheinens gewonnen werden, und wenn sie zudem eine unbestimmte Kritik an der Oberflächlichkeit des alltäglichen Weltverstehens zu einer klaren Begründung in einem phänomenologischen Verstehen zu führen scheinen, sieht man allzu schnell und nachsichtig über Schwachstellen hinweg, weil sich insgesamt alles so schön in ein konsistentes Konzept fügt.

So geschieht es auch bei Martin Heideggers „Sein und Zeit“. Das ist bedauerlich, weil Martin Heidegger in seiner Phänomenologie des Daseins ein gewaltiges Bild geschaffen hat, das aber doch schon an einem frühen Punkt einen wesentlichen Aspekt des tatsächlichen Daseins verfehlt und deshalb in die Irre geht.

Analyse der Alltäglichkeit

Heidegger möchte das Dasein in seiner alltäglichen Durchschnittlichkeit ins Zentrum der Analyse rücken, er will das Dasein beschreiben, wie es zunächst und zumeist in der Welt ist. Das ist, wenn wir uns vor Idealisierungen des Menschen hüten wollen, denen die Menschen nur in Ausnahmefällen und selten gerecht werden können, wenn wir den Menschen also nicht so, wie er sein könnte oder sein sollte, sondern so, wie er tatsächlich ist, in den Blick bekommen wollen, grundsätzlich ein sinnvoller Ansatz. Viel zu oft und viel zu lange hat die Philosophie, wenn sie vom Menschen sprach, ein Traumbild konstruiert, welches im Alltag nur selten aufgefunden wird, und dieses dann zum Wesen des wahren Menschen stilisiert.

Richtig ist also, beim Alltag anzusetzen bei der Analyse des Daseins. Fraglich allerdings ist, ob dieser Alltag durch eine Durchschnittlichkeit, durch ein zunächst und zumeist gekennzeichnet ist.

Das soll keineswegs bedeuten, dass jeder Mensch „etwas Besonderes“ oder „etwas Einzigartiges“ sei, und dass die Philosophie der Alltäglichkeit einer solchen Einzigartigkeit Rechnung zu tragen hätte. Fraglich ist, ob die Alltäglichkeit durch Durchschnittlichkeit bestimmt ist.

Die Person, die uns im Alltag begegnet, begegnet uns zunächst in einer Rolle, und die Person, als die je ich selbst den anderen im Alltag begegne, spielt dort ebenfalls eine Rolle. Ich bin nicht der, den „man“ erwartet, ich spiele die Rolle, die man erwartet. Die alltägliche Begegnung mag bei der Arbeit stattfinden, beim Einkaufen, auf dem Weg, in der Freizeit, mit Freunden, im politischen Engagement.

Es war selbstverständlich schon zu Heideggers Zeiten so und ist bis heute so geblieben (ich will damit nicht sagen, dass es „schon immer“ so war und „auch immer“ so sein wird), dass das Dasein darin besteht, in den verschiedenen Situationen des Alltags verschiedene Rollen zu spielen, die Rollen, die „man“ in diesen verschiedenen Situationen eben erwartet. Diese Rollen sind aber bei je zwei Personen niemals die gleichen. Zwei Arbeitskollegen haben verschiedene Freizeitaktivitäten und verschiedene politische Überzeugungen, sie haben unterschiedliche Familienstrukturen und -Verpflichtungen und ein unterschiedliches Wohnumfeld.

Man könnte zunächst vermuten, dass dies die Daseinsanalyse von Heidegger ganz unberührt lässt, weil die verschiedenen Ansprüche, die das Man an das Dasein in den verschiedenen Situationen des Alltags stellt, miteinander nichts zu tun hätten und sich nicht störten. Das ist aber aus zwei Gründen falsch.

Streit statt Gerede

Zum einen begegnen uns die verschiedenen Rollen, die eine Person spielt, in jeder Alltagssituation mit. Der Arbeitskollege ist politisch aktiv und will deshalb mit seinen Kollegen, die sich für Fußball interessieren, über die Tagesnachrichten streiten. Das, was Heidegger das „Gerede“ nennt, wird dadurch zum Streit, welcher das ganze Verhältnis der betreffenden Personen stören kann. Es kann sich gar kein Man ausprägen, das das Sprechen und Handeln der Kollegen bestimmt. Ich sehe mich gerade nicht in den anderen, da ihre unübersehbare Prägung durch Rollen jenseits der aktuell vordringlichen Rolle mich von der Identifikation abhält. Ich bin auf mich selbst geworfen.

Zum anderen lassen sich die Rollen eben nicht konfliktfrei zusammenbringen, sodass eine Dominanz und Bestimmung durch das jeweilige Man eben nicht möglich ist. Der Arbeitskollege ist Familienvater und muss rechtzeitig am Kindergarten sein, die Kollegin muss ihr demente Mutter pflegen, die andere hat Verpflichtungen bei der Gewerkschaft. Ständig treten die verschiedenen Ansprüche, die das Man der verschiedenen Rollen an das Dasein stellt, miteinander in Konflikt.

Somit kann es keine Daseinsanalyse der Durchschnittlichkeit des Zunächst und Zumeist geben. Diese ist gerade nicht das Bestimmende Moment der Alltäglichkeit. Die Heideggersche Daseinsanalyse muss also von einer Neubestimmung der Alltäglichkeit aus neu geschrieben werden.

Der Sinn von Sein

Clara: Now, what’s the plan?
The Doctor: Who says I got a plan?
Clara: ‚Course you got a plan, you took that! [Picks up the umbrella]
The Doctor: Maybe I’m an idiot!
Clara: You’re not! You’re clever, really clever.

Nebelschwaden

Dieser Text ist ein Suchen und Klären. Der Leser, der mir womöglich irgendwann einmal auf dem Denkweg folgt, den ich hier zu beschreiten beginne, möge sich am besten vorstellen, dass ich mich, indem ich diese Sätze schreibe, in einer Situation befinde, die dem Wanderer im Nebel gleicht.

Der Nebel verbirgt nicht alles. Er weht in Schwaden um mich herum, hier und da sind einzelne Strukturen klar erkennbar, manchmal erscheint, verschwommen, eine ganze Gestalt. Das, was sich da zeigt, macht den Eindruck, des genauen Verstehens und Beschreibens wert zu sein. Also taste ich mich durch den Nebel und beschreibe, was ich finde, in der Hoffnung, dass alles Notierte am Ende ein Gesamtbild ergibt, welches die verschwommenen Bilder, die immer nur für einem Moment sichtbar sind und flüchtig bleiben, vor dem geistigen Auge zu einem Ganzen zusammenbringt. „Der Sinn von Sein“ weiterlesen

Das Netzwerk der Einzelnen

Seit zweieinhalb Jahrtausenden benutzt die politische Philosophie die gleichen Begriffe: Bürger und Staat, Demokratie, Oligarchie, Monarchie. Liest man bei Aristoteles nach, merkt man schnell, dass diese Begriffe über die lange Zeit ihre Bedeutung nahezu ins Gegenteil verkehrt haben: Das, was heute Demokratie heißt, wäre bei Aristoteles ein auf Wahl basierendes Königtum auf Zeit.

Die Begriffe der politischen Theorie sind heute alle normativ aufgeladen, genauer gesagt, verdorben. Wer würde es in der Tradition des europäischen Abendlandes wagen, gegen die Demokratie zu argumentieren, oder auf der anderen Seite Aspekte des Königtums oder der Aristokratie als sinnvoll herauszustellen?

Gleichzeitig sehen wir die so genannten demokratischen Gesellschaften in einer inneren Legitimationskrise. Die politische Klasse, also jene, die im Namen des Volkes herrschen, besitzt weniger als je zuvor das Vertrauen derer, die ihnen angeblich die Macht verliehen haben. Gleichzeitig gelangen so genannte „starke Männer“ die offen gegen die Institutionen der Demokratie vorgehen, zu allgemeiner Anerkennung. „Das Netzwerk der Einzelnen“ weiterlesen

Was ist Phänomenologie?

Die Methode, die wir hier verwenden, ist die der Phänomenologie, und damit eigentlich eine spezielle Vorgehensweise innerhalb der Philosophie. Es ist bekannt, dass es auch andere Weisen des Philosophierens gibt. Als Phänomenologe ist man davon überzeugt, dass die Phänomenologie eine Methode ist, die die einzige ist, die akzeptiert, dass sie nicht empirisch ist, und dennoch nicht frei schwebt. Denn sie findet ihr Material im Denken, auf das sie denkend reflektiert, im Sprechen, das das Denken kommunizierbar macht, und im Handeln, das sich durch das Denken vom bloßen Verhalten unterscheidet. Die Phänomenologie ist nun eine bestimmte Methode, diese drei zum Gegenstand zu nehmen, und die besteht, kurz gesagt, darin, dass wir an einem konkreten Fall, ob ausgedacht oder real, etwas einsichtig machen, etwas wesentliches, grundsätzliches sichtbar machen. Man nennt diese Schlussweise intuitiv, die Schlussform also die Intuition. Aus der formalen Logik sind die Deduktion und die Induktion bekannt. Bei der Deduktion, die die formalen Logiker als einzige wirklich sichere Schlussform ansehen, wird von etwas Allgemeinem auf den Einzelfall gefolgert. Bei der Induktion, die wir im Alltag oft anwenden, folgert man aus einer großen Zahl von Fällen auf den nächsten Fall und genau genommen auf das Allgemeine. Bei der Intuition hingegen folgern wir aus einem Einzelfall auf das Wesen einer Sache, auf das Allgemeine, das sich in diesem Einzelfall zeigt. „Was ist Phänomenologie?“ weiterlesen

Was macht Philosophie?

Woran erkennt man Philosophie? Hat sie einen Gegenstand, eine Methode oder ein klares Erkenntnisziel? Irgendwie wissen wir, wann wir philosophieren, obwohl wir eine klare Definition dieses Denkens nicht angeben können. Vielleicht ist Philosophie gerade das Denken, das keinen eindeutigen Gegenstand hat, aber trotzdem als notwendig angesehen wird? Dem widerspricht, dass wir doch Teil-Disziplinen des Philosophierens angeben können, die wir gerade durch ihren Gegenstand voneinander unterscheiden. Der Logik etwa geht es um die Regeln des Denkens, der Erkenntnistheorie um die Möglichkeiten, Grenzen und Gegenstände des Erkennens der Welt, der Religionsphilosophie geht es um Religion. Also hat die Philosophie doch Gegenstände? Merkwürdig aber ist, dass sie diese Gegenstände dann mit je bestimmten Wissenschaftsdisziplinen gemeinsam hat, etwa mit der Psychologie, wenn es ums Denken und Erkennen geht, mit der Religionssoziologie oder -Geschichte, wenn es um die Religion geht. „Was macht Philosophie?“ weiterlesen

Pflicht oder Verantwortung

Wir leben in einer Welt, in der es immer weniger Pflichten, aber immer mehr Verantwortung gibt. In einer Gesellschaft, die die Freiheit des Einzelnen in den Vordergrund stellt, sind Pflichten geradezu widersinnig. Die Wehrpflicht wurde abgeschafft, die Impfpflicht ist heiß umstritten. Ein paar Pflichten haben wir trotzdem noch: Steuerpflicht, Schulpflicht, Unterhaltspflicht (die immer mehr begrenzt wird), Sargpflicht (auch umstritten), Verkehrssicherungspflicht, Räum- und Streupflicht. Manche Pflichten entstehen sogar erst durch die Freiheit: Die Haftpflicht etwa.

Wenn man das so zusammenträgt, ist es gar nicht so wenig, und man könnte sich fragen, ob der erste Satz dieses Textes überhaupt stimmt. Aber fest steht: Pflichten sind nicht mehr selbstverständlich, es ist Mode geworden, Pflichten in Frage zu stellen. Sie werden nicht mehr klaglos akzeptiert, der Staat, der sie aufstellt, muss sie begründen und verteidigen, oder eben abschaffen. „Pflicht oder Verantwortung“ weiterlesen

Parlamentarismus

Die politische Sphäre einer Gesellschaft ist im Wesentlichen dazu da, sicherzustellen, dass alle Menschen, die in dieser Gesellschaft leben, mit den Bedingungen, die ihnen durch das gesellschaftliche Zusammenleben aufgezwungen werden, halbwegs zurechtkommen und halbwegs zufrieden mit ihnen sind. Diese politische Sphäre kann sich im Modus der Stabilität befinden oder im Umbruch sein. Im Modus der Stabilität sind die meisten Menschen mit den Zuständen halbwegs zufrieden, im Modus des Umbruchs führt eine, zunächst oft nicht offenbare, Unzufriedenheit bei einem Teil der Menschen dazu, dass neue Strukturen in der politischen Sphäre gefunden werden müssen. Ziel eines jeden Umbruchs ist das Erreichen einer neuen Stabilität. „Parlamentarismus“ weiterlesen

Thesen zur Logik

Ein Beispiel: eine Person kann einmal sagen „ich weiß, dass ich den Nachrichten der ARD vertrauen kann“ und ein andermal kann die gleiche Person sagen: „auch den Nachrichten der ARD kann man nicht trauen“. Möglicherweise wird sie die beiden Sätze nicht im gleichen Gespräch äußern, vielleicht wird sie die Sätze mit Worten wie „vollständig“, „meistens“ oder mit Floskeln wie „in gewissem Umfang“ oder „ zunächst mal“ anreichern. Aber befragt, in welcher Hinsicht die eine Aussage und in welcher die andere Aussage gilt, wird die Person keine genaueren Angaben machen können. Sie wird vielleicht Beispiele geben, die sich aber nicht genau bestimmten Klassen von Erfahrungen oder Situationen zuordnen lassen. Die Beispiele haben eher illustrierenden Charakter, als dass sie zu einer Differenzierung von Situationen und Hinsichten beitragen würden. Die Person wird sagen, dass genau in diesem Widerspruch die Wahrheit über die Vertrauenswürdigkeit des Senders liege. Viele Menschen werden das Argument dieser Person verstehen und nachvollziehen können, sie werden sagen, dass sie die Sache genau so sehen. Der Versuch, die Fälle klar zu unterscheiden, in denen der eine Satz oder der andere Satz wahr ist, scheitert, die betroffenen Personen werden sagen, dass die Klassifizierung keine größere Wahrheit bringt, dass sie sich eher von der Wahrheit entfernt. „Thesen zur Logik“ weiterlesen

Agnostische Theologie

Ist eine Theologie aus einer agnostischen Einstellung heraus denkbar? Auf den ersten Blick scheint dies absurd. Theologie – das ist, nach allgemeinem Verständnis, die Rede, oder gar die Lehre, von Gott. Agnostisch hingegen nennen wir eine Einstellung, die ohne einen Gott auskommt, weil sie meint, dass man von Gott nichts wissen kann. Der Agnostiker meint, über die Frage, ob es Gott gibt, keine Aussage treffen zu können. Kann man aus dieser Position heraus von Gott reden?

Wir wollen der Frage nicht ausweichen, indem wir über die ursprünglichen Bedeutungen der Worte, die das Begriffspaar bilden, nachdenken. Wir wollen sie vielmehr ein wenig genauer fassen, um die Möglichkeiten einer agnostischen Theologie zu fassen. „Agnostische Theologie“ weiterlesen