Was Gott nicht ist

Dies ist der Entwurf des Schluss-Kapitels meines Manuskripts zum plausiblen Gott. Wer sich für das ganze Manuskript interessiert (ca 125 Seiten) kann sich gern bei mir melden.

In den vorangegangenen Kapiteln wurde deutlich, dass es gute Gründe gibt, die Existenz eines unendlichen Geistes anzunehmen, der die Welt geschaffen hat und immer noch schafft, der uns Menschen geschaffen und als mitschöpfende Geschöpfe gewollt hat. Dieser schaffende unendliche Geist steht im Einklang mit den Naturgesetzen – er ist ihr Schöpfer, er hat sie so konzipiert, dass alles, was heute ist, entstehen und sich entwickeln konnte. Er hat einen Gesetzeszusammenhang von Regelmäßigkeiten auf den verschiedenen Ebenen des Weltgeschehens geschaffen. Diese Regelmäßigkeiten bauen aufeinander auf, die einen ergeben sich aus den anderen, aber sie lassen sich auch einzeln verstehen, untersuchen und nutzen.

Dieser Schöpfer hat auch vernünftige Lebewesen geschaffen, wie uns Menschen, er hat sie mit einer Vernunft ausgestattet, und das heißt, er hat uns die Fähigkeit gegeben, die Wahrheiten der Wirklichkeit, die Gesetze, nach denen sie entsteht und vergeht, zu erkennen. Das heißt auch, dass er uns den Sinn für die Schönheit seiner Schöpfung gegeben hat, und dass er uns mit dem Bedürfnis ausgestattet hat, diese Schönheit zu bewahren und schöpferisch zu vermehren und das Gute zu wollen, das Gute für die Wirklichkeit, für die Dinge, die in ihr entstanden sind, die Organismen und Lebewesen, die anderen Menschen und für uns selbst.

Es gibt gute Gründe, anzunehmen, dass ein solcher unendlicher und schöpferischer Geist existiert. Er existiert nicht in dem Sinne, wie Steine und Bäume existieren, auch wenn wir in ihrer Existenz, wenn wir ihre Schönheit und die Wahrheit über ihre Existenz erkennen, auch Gottes Geist und Willen sehen. Er existiert auch nicht, wie die theoretischen Entitäten der Naturwissenschaften existieren, auch wenn er als Ursache eine Erklärung für vieles bietet, was sonst unerklärlich und ohne Ursache hingenommen werden müsste. Er existiert auch nicht wie die fiktionalen Gestalten von Geschichten, auch wenn sie durch die schöpferische Kraft ihrer Erfinder in die Welt gekommen sind, die ein Teil der unendlichen schöpferischen Kraft Gottes ist, und auch wenn in diesen Geschichten oft gerade die wichtigen Gaben, die uns der Schöpfer gegeben hat, damit wir unsere Freiheit in seinem Sinne nutzen können.

Wir konnten in den vorangegangenen Kapiteln einige plausible Aussagen über diesen unendlichen Geist und Schöpfer machen. Es gibt aber auch einige Aussagen, die oft über Gott und sein Wirken gemacht werden, die wir nicht bestätigt finden. Um einige davon soll es zum Abschluss gehen.

Gott ist nicht allmächtig in dem Sinne, dass genau das geschieht, was er will. Gott lenkt nicht den tatsächlichen Ablauf des Weltgeschehens, und er lenkt auch nicht unsere Handlungen unmittelbar. Gott, wie wir ihn hier verstehen, ist einer, der Regeln setzt, und die Dinge dann zunächst laufen lässt. Wenn auf der Grundlage dieser Regeln Neues entsteht, und wir können annehmen, dass Gott dies will, dann schafft er für dieses Neue auch neue Regeln, und womöglich passt er die alten Regeln so an, dass sie mit den neuen zusammenspielen. Aber Gott wirkt nicht durch Wunder und nicht durch direkten Eingriff in die Welt. Es gibt keine Ereignisse, die nicht auf Naturgesetze zurückgeführt werden können, alles, was in der materiellen Welt geschieht, ist in dem Sinne erklärbar, dass es im Einklang mit den Naturgesetzen steht.

Man könnte also sagen, dass der schöpferische Gott gerade in dem Sinne allmächtig ist, dass er keine Wunder braucht, dass er nie direkt handelnd eingreifen muss, um die Wirklichkeit in seinem Sinne weiter zu treiben. Gott kann, für unsere begrenzte Vernunft unmerklich, die Regeln so weiterentwickeln, dass die Welt sich in seinem Sinn weiterbewegt.

Gott spricht nicht direkt zu uns und vor allem: Er befiehlt nicht. Er fordert uns nicht zu diesen und jenen Taten auf, er gibt uns keine konkreten Anweisungen für den Alltag. Er hat uns mit dem Gewissen, mit ästhetischem Gefühl, und mit der Fähigkeit, die Wahrheit in der Welt zu sehen, ausgestattet, und er hat Vertrauen, dass wir unsere Verantwortung für diese Welt wahrnehmen werden. Diese Fähigkeiten hat jeder von uns, unabhängig davon, ob wir an diesen Gott glauben, oder nicht. Nur in der Reflexion über diese Fähigkeiten erkennen wir Gott selbst – aber wir müssen ihn nicht als den Schöpfer und Verursacher erkennen, um in seinem Sinne mit seiner und unserer Schöpfung richtig umzugehen.

Gott möchte nicht angebetet und verehrt werden, er kann uns nicht vergeben und er kann niemanden von uns dafür belohnen, ihm zum Ruhm zu handeln. Zwar kann im religiösen Kult, im Gebet und im gemeinsamen reflexiven Gespräch das Schöne, Gute und Wahre deutlich werden, aber es ist dazu nicht nötig, dass wir besonders stark und intensiv an Gott und seine Gegenwart glauben. Einen Sinn für die Schöpfung entwickeln die Menschen auf sehr unterschiedliche Weise, und es ist nicht gewiss, dass sie diesen Sinn besonders stark ausprägen, wenn sie vor einem Gott auf die Knie fallen. Schon gar nicht kann man sich durch die Ansprache Gottes aus der Verantwortung für das befreien, was man anderen Menschen, Wesen oder der Welt angetan hat.

Das heißt andererseits auch: Gott straft uns nicht für unser Tun, nicht für die Zerstörung und nicht für das Böse, das wir anderen Lebewesen und Menschen antun. Eine Strafe, wenn man das so nennen kann, kommt nur aus uns selbst, wenn wir unser böses Handeln reflektieren und darunter leiden. Ebenso kommt die Freude am guten Handeln und am Schaffen des Schönen nur aus uns selbst, wenn wir bemerken, trotz aller Widerstände und Schwierigkeiten das Richtige getan zu haben. Gott hat uns die Fähigkeit dazu gegeben, das zu erkennen, aber er teilt uns nicht in direkter Ansprache mit, dass wir etwas Gutes oder Böses getan, etwas Schönes oder Hässliches geschaffen, die Wahrheit gesehen und gesagt oder die Lüge akzeptiert und verbreitet haben.

Schließlich gibt uns Gott auch keine Hoffnung über unser endliches Leben hinaus. Wir haben keine Anhaltspunkte für ein Leben nach dem Tod, für eine Bestrafung oder Belohnung in einem Jenseits gefunden. Unsere endliche Vernunft ist an die Endlichkeit unseres materiellen Lebens gebunden und nichts deutet darauf hin, dass unsere Seele nach dem Ende des Körpers als Seele weiter existiert. Der Sinn meines Lebens muss ganz allein in diesem Leben gefunden werden, im Guten, das ich tue, im Wahren, das ich erkenne und teile, und im Schönen, das ich schaffe.