Hegel, Engels, die Freiheit und die Notwendigkeit

Freiheit sei die Einsicht in die Notwendigkeit, soll Hegel gesagt haben. Und ich, eigentlich wollte ich was über Wissenschaft jenseits der Disziplinarität schreiben, was ja auch gerade heute wichtig ist, frage mich, wo er das gesagt haben soll.

In den „Vorlesungen über die Philosophie der Religion“ gibt es einen Abschnitt über „Die Notwendigkeit“. Darin kommen sich die Begriffe „Freiheit“ und „Notwendigkeit“ ziemlich nahe. Nachdem Hegel die „äußere Notwendigkeit“ als „eigentlich zufällige Notwendigkeit“ und die „innere Notwendigkeit“ als „was als Ursache, Veranlassung, Gelegenheit vorausgesetzt ist“ untersucht hat, kommt er zur „absoluten Notwendigkeit“, über die er schreibt, sie „ist und enthält an ihr selbst die Freiheit: denn eben ist sie das Zusammengehen ihrer mit sich selbst. Sie ist schlechthin für sich, hängt nicht von anderem ab; ihr Wirken ist das freie, nur das Zusammengehen mit sich selbst, ihr Prozess ist nur der des Sichselbstfindens, – dies aber ist die Freiheit.“Der Text geht noch weiter und ist sehr bedenkenswert, aber ich will nur sagen: Da steht keineswegs „Freiheit ist Einsicht in die Notwendigkeit“ – da steht, wenn man es so kurz sagen will: „Absolute Notwendigkeit ist Freiheit“.

Um den Sinn zu verstehen, sei vielleicht noch dies zitiert:

„Die Gesinnung, sich der Notwendigkeit zu unterwerfen, wie sie bei den Griechen war und den Mohamedanern noch ist, hält wohl in sich die Freiheit, aber es ist nur die ansichseiende, formelle Freiheit; vor der Notwendigkeit gilt kein Inhalt, kein Vorsatz, keine Bestimmtheit, und darin besteht noch ihr Mangel.“

Die Behauptung, Hegel hätte gesagt, Freiheit sei Einsicht in die Notwendigkeit, stammt von Friedrich Engels, soweit ich das weiß, und in seiner Lesart haben wir das auch in der DDR im „Philosophie-Unterricht“ gelernt. Engels schreibt im Anti-Dühring:

„Hegel war der erste, der das Verhältnis von Freiheit und Notwendigkeit richtig darstellte. Für ihn ist die Freiheit die Einsicht in die Notwendigkeit. ‚Blind ist die Notwendigkeit nur, insofern dieselbe nicht begriffen wird.‘ Nicht in der geträumten Unabhängigkeit von den Naturgesetzen liegt die Freiheit, sondern in der Erkenntnis dieser Gesetze, und in der damit gegebnen Möglichkeit, sie planmäßig zu bestimmten Zwecken wirken zu lassen.“

Der Satz den Engels da zitiert, steht im §147 der Enzyklopädie, darin kommt das Wort Freiheit allerdings nicht vor.Ok, bis hierher hat nun eh keiner gelesen. Was ich sagen wollte: Es ist ein Elend mit diesen angeblichen Zitaten. Sicherlich ist, das, was Hegel über Freiheit und Notwendigkeit gesgt hat, bedenkenswert, und auch das, was Engels daraus gemacht hat, ist natürlich nicht dumm. Aber das, was heute von denen gemeint ist, die Hegel diesen Satz unterschieben, hat weder Hegel noch Engels im Sinn gehabt.

3 Gedanken zu „Hegel, Engels, die Freiheit und die Notwendigkeit“

  1. Lieber Herr Friedrich,
    danke für diese Erläuterungen. In den Vorbereitungen auf ein BioEthik-Seminar, nicht zuletzt angeregt durch die Corona-Debatte, war ich auf dieselbe Frage gestossen und hatte in den Hegel-Originalen nach der Quelle für den von Engels zitierten Satz gesucht.
    Als Naturwissenschaftler ist mir die Beziehung von „Freiheit“ und „Einsicht in die Notwendigkeit“ immer sehr plausible gewesen, weil nur frei handeln kann, wer weiß worauf das hinausläuft. Dennoch erschien mir die Verknüpfung mit „ist“ eher zu kurz gesprungen, da es ja mehrere Notwendigkeiten, manchmal als Alternativen, geben kann. Es ist ja nicht immer einfach, Hegel zu verstehen, aber der zitierte §147 gibt doch noch mehr mögliche Hinweise, worauf er hinaus wollte.
    Meine Lesart der wichtigen Passagen zu dieser Frage:
    „…es gibt deshalb nichts Verkehrteres als den Vorwurf eines blinden Fatalismus, welcher der Philosophie der Geschichte darum gemacht wird, weil dieselbe ihre Aufgabe als die Erkenntnis der Notwendigkeit dessen, was geschehen ist, betrachtet…“
    „. Indem wir das, was geschieht, als notwendig betrachten, so scheint dies auf den ersten Anblick ein vollkommen unfreies Verhältnis zu sein.“
    „Das Schicksal dagegen ist trostlos. Betrachten wir nunmehr die Gesinnung der Alten in Beziehung auf das Schicksal näher, so gewährt uns dieselbe gleichwohl keineswegs die Anschauung der Unfreiheit, sondern vielmehr die der Freiheit. “
    „. Indem dagegen der Mensch anerkennt, daß, was ihm widerfährt, nur eine Evolution seiner selbst ist und daß er nur seine eigene Schuld trägt, so verhält er sich als ein Freier und hat in allem, was ihm begegnet, den Glauben, daß ihm kein Unrecht geschieht. . Indem dagegen der Mensch anerkennt, daß, was ihm widerfährt, nur eine Evolution seiner selbst ist und daß er nur seine eigene Schuld trägt, so verhält er sich als ein Freier und hat in allem, was ihm begegnet, den Glauben, daß ihm kein Unrecht geschieht. “
    „. Es ist also die Ansicht von der Notwendigkeit, wodurch die Zufriedenheit und die Unzufriedenheit der Menschen und somit ihr Schicksal selbst bestimmt wird. „

  2. Doch, es hat wer bis zu Ende gelesen…

    Da ich es „ZWISCHEN MENSCHEN“ immer mit Rosa Luxemburgs Freiheitsdefinition hielt, hatte ich „instinktiv“ diesen Satz NUR auf das ubiquitäre und ‚unausweichliche‘ Wirken der Naturgesetze bezogen:
    Wer glaubt, für ihn persönlich würde der Bremsweg nicht als Funktion proportional zum QUADRAT der Geschwindigkeit steigen, der ist halt nicht „frei“, sondern ein Narr.

  3. Sehr gute Diskussion! Die zusammenführung von Freiheit und Notwendigkeit stammt eigentlich von fichte. Der diskutiert ja das kantische Selbstbewusstsein als auseinanderfallend( reine Vernunft in der Praxis; gebundene vernunft in der Theorie) (fichte, ww, bd. 1, 63)
    Für fichte is die praktische Vernunft der Grund der theoretischen (a. a. o., 126). freiheit is bei ihm grund der notwendigkeit. Hegel stimmt dem unterfangen zu: „das fichtes he system ist bekanntlich das kantische in eine höhere Abstraktion erhoben und konsequenter durchgeführt. Es ist der Versuch, die Kategorien, die denkbestimmungen der theoretischen sowohl als der praktischen Sphäre, auf eine systematische Weise im Zusammenhang der Notwendigkeit darzustellen.“(hegel,ww,bd. 4,445)
    Schellings spatphilosophie ist der Kritik des zusammenlegen von notwendigkeit und freiheit

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