Hat der plausible Gott ein Theodizee-Problem?

Ein plausibler Gott ist nicht allmächtig in dem Sinne, dass genau das geschieht, was er will. Gott lenkt nicht den tatsächlichen Ablauf des Weltgeschehens, und er lenkt auch nicht unsere Handlungen unmittelbar. Gott, wie wir ihn hier verstehen, ist einer, der Regeln setzt, und die Dinge dann zunächst laufen lässt. Wenn auf der Grundlage dieser Regeln Neues entsteht, und wir können annehmen, dass Gott dies will, dann schafft er für dieses Neue auch neue Regeln, und womöglich passt er die alten Regeln so an, dass sie mit den neuen zusammenspielen. Aber Gott wirkt nicht durch Wunder und nicht durch direkten Eingriff in die Welt. Es gibt keine materiellen Ereignisse, die nicht auf Naturgesetze zurückgeführt werden können, alles, was in der materiellen Welt geschieht, ist in dem Sinne erklärbar, dass es im Einklang mit den Naturgesetzen steht.

Man könnte also sagen, dass der schöpferische Gott gerade in dem Sinne allmächtig ist, dass er keine Wunder braucht, dass er nie direkt handelnd eingreifen muss, um die Wirklichkeit in seinem Sinne weiter zu treiben. Gott kann, für unsere begrenzte Vernunft unmerklich, die Regeln so weiterentwickeln, dass die Welt sich in seinem Sinn weiterbewegt.

Müsste man von einem plausiblen Gott erwarten, dass er zu seinen Geschöpfen gut in dem Sinne ist, dass die Schöpfung für diese Geschöpfe ausschließlich ein Quell der Freude ist? Müsste ein plausibler Gott nicht auch ein guter Gott in dem Sinne sein, dass er seine gestaltende Kraft dafür verwendet, dass wir Menschen, als mitschöpfende Geschöpfe und somit als Partner in der Schöpfung, nicht unter der Schöpfung zu leiden haben?

Um diese Fragen zu beantworten, müssen wir den Blick zunächst von unserem eigenen menschlichen Leben lösen und noch einmal auf die Prinzipien der Schöpfung als ganzer schauen. Diese Prinzipien erkennen wir im Wirken der materiellen Naturgesetze – und sie sind immer und überall Gesetze des Entstehens und Vergehens, der Neubildung und des Verfalls. Elementarteilchen, Atome und Moleküle, Planeten und Sterne, Gebirge und Meere entwickeln sich nach diesen Gesetzen, und indem Neues entsteht, wird Bisheriges zerstört. Diese Prozesse des Entstehens und Verschwindens sind die Grundlage der Prozesse, die das Leben in seiner Vielfalt und in seiner Dynamik ermöglichen. Auch die Welt der Lebewesen besteht aus komplexen Kreisläufen, in denen eine Spezies auf Kosten der anderen lebt und doch auch wieder ihre Rolle dafür spielt, dass alle verschiedenen Arten von Leben sich bilden und weiter entwickeln können.

Diese Prozesse bilden insgesamt das Bedingungsgeflecht, in dem der Mensch als schöpferischer Partner der Schöpfung möglich wird. Er will und soll, im Sinne des plausiblen Gottes, diese Welt bewohnen und gestalten, und zwar als freies, kreatives, selbstbestimmtes Wesen.

Ein Beispiel: Der Vulkanismus etwa als natürlicher Prozess ist Teil der Schöpfung, der die Gestalt der Erdoberfläche, der Kontinente, Ozeane und Gebirge mitbestimmt. Die Gesetze dieser Prozesse sind für den Menschen prinzipiell verständlich und auf ihrer Basis ist vieles entstanden, was zur Entstehung und Erhaltung des Lebens beträgt, Lebensräume und Nährstoffe, am Ende auch die Materialien, die der Mensch nutzt, um sich Häuser und Werkzeuge für ein bequemes Leben zu schaffen.

Diesen Vulkanismus wird ein plausibler Gott nicht einfach ausschalten oder unterdrücken, weil der Mensch sich an einem Ort niederlässt, der durch die materiellen Gesetze gefährdet ist oder zerstört wird. Ein solches Eingreifen würde dem widersprechen, was wir als plausibel über das göttliche Wirken der Gestaltung der materiellen Gesetze erkannt haben.

Auf der anderen Seite wird ein plausibler Gott dem Menschen auch nicht verbieten, sich an einem solchen gefährdeten Ort anzusiedeln. Das würde dem Gedanken widersprechen, dass Gott die Menschen als freie Wesen und Partner im Schöpfungsprozess geschaffen hat. Nicht nur würde er mit einem solchen Verbot die Freiheit der Menschen einschränken, er würde ihnen auch die Erfahrung des materiellen Prozesses verwehren, die dazu führen kann, dass der Mensch in seinen eigenen schöpferischen Handlungen mit diesen Prozessen umzugehen und sie womöglich sogar zu nutzen lernt. Wenn man bedenkt, wie vielen Gefahren sich der Mensch in seiner Freiheit aussetzt und wie viel ein Gott, der den Menschen schützen und ihm Leid vollständig ersparen wollte, also dem Menschen verbieten müsste, wird schnell klar, dass von Freiheit und schöpferischer Gestaltung nicht mehr die Rede sein könnte, wenn ein plausibler Gott ein guter Gott in dem Sinne wäre, dass er seinen Geschöpfen jedes Leid und jede Not ersparen würde.

Ist also ein plausibler Gott in keinem Sinne ein guter Gott? Wie könnte man dann davon sprechen, dass er den Menschen als Partner in seinem Schöpfungsprozess geschaffen hat?

Natürlich könnten wir uns hier auf eine solche Vorstellung von Gott zurückziehen. Wir sind nicht auf einen guten Gott im Sinne etwa des Christentums verpflichtet, wenn wir auf der Suche nach einem plausiblen Gott sind. Andererseits haben wir bereits festgestellt, dass der unendliche Geist eines plausiblen Gottes im gewissen Sinne mit unserem Geist Ähnlichkeit haben muss. Insbesondere müssen wir annehmen, dass die zentralen Merkmale unseres Geistes, die Fähigkeit zum Erkennen des Guten, des Schönen und des Wahren, sowie das Streben danach, Gutes, Schönes und Wahres zu schaffen und zu erleben, sich auch bei einem plausiblen Gott finden lassen sollten. Warum und wie sollte ein Gott uns als moralische Wesen mit Gewissen und der Fähigkeit zum Mitleid erschaffen, wenn ihm selbst Gewissen und Mitleid fremd wären? Wir sollten es also als plausibel annehmen, dass Gott Mitleid mit seinen leidenden Geschöpfen hat, und dass sein Gewissen ihn dazu bringt, den Menschen die Möglichkeit zu geben, Leid zu vermeiden.

Allerdings wird dieser Gott deshalb eben nicht in sein Regelwerk der Naturgesetze willkürlich eingreifen, um etwa ein Erdbeben, welches nach den Naturgesetzen an einem Ort stattfinden muss, zu verhindern, nur weil sich dort Menschen angesiedelt haben. Eine solche Welt wäre für den Menschen nicht erkennbar und letztlich also auch nicht durch menschliche Schöpferkraft veränderbar. Ebenso kann ein solcher Gott nicht die Freiheit der Menschen beschneiden, indem er auf eine irgendwie mystische, unverständliche Weise verhindert, dass sie sich in einem Gebiet ansiedeln, in denen ein Erdbeben droht. Er kann den Menschen nur helfen, indem er sie mit Fähigkeiten ausstattet, sich im Rahmen ihrer begrenzten Vernunft, in Übereinstimmung mit den Möglichkeiten ihrer Freiheit sowie im Einklang mit den Naturgesetzen selbst zu helfen.

Der Gott, den wir hier als plausibel verstehen wollen, hat dem Menschen die Fähigkeit gegeben, aus Erfahrungen zu lernen. Wir können Zusammenhänge erkennen, wir können lernen, Anzeichen von Gefahren zu deuten. Wir können dieses Wissen weitergeben, wir können kulturelle Regeln etablieren, die das, was wir im Leiden und in der Not erfahren haben, auch denen zugänglich macht, die das Leid nicht selbst ertragen mussten. Damit haben wir Fähigkeiten, um Leid reduzieren zu können, um uns vor zukünftigen leidvollen Erfahrungen zu schützen. Wir können aus eigenen Erfahrungen und aus den Erfahrungen anderer lernen, Risiken einzuschätzen oder Maßnahmen zu ergreifen, die uns vor Gefahren schützen. Wenn wir, mit den Überlegungen der vorangegangenen Kapitel, diese Fähigkeiten einem plausiblen Gott verdanken, dann können wir durchaus sagen, dass dieser Gott gut ist. Er schaut nicht einfach zu, wie wir mit seiner Welt voller Gefahren zurechtkommen, sondern er hat uns so geschaffen, dass wir als freie schöpferische Geschöpfe dem Leid begegnen können. Wir können Häuser bauen, die erdbebensicher sind, wir können Gegenden erkennen und meiden, die vom Vulkanismus zerstört werden können, wir können uns vor Krankheiten und vielen anderen Gefahren immer besser schützen auf der Grundlage unserer Fähigkeit, die Gesetzmäßigkeiten der Welt zu verstehen und verstehend zu nutzen.

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