Zur Popularisierung der Philosophie

Die Philosophie unterscheidet sich von den positiven Wissenschaften auf vielerlei Weise, und insbesondere dadurch, dass es für sie zwei grundverschiedene Arten der Popularisierung gibt. Wenn man philosophisch über Popularisierung der Philosophie reflektieren will, muss man zuerst diese beiden Formen unterscheiden. Denn nur die eine ist bedenklich, die andere ist sogar notwendig.

Die eine Form ist tatsächlich dem ähnlich, was man auch sonst als populärwissenschaftlich bezeichnet. Da geben dann studierte, promovierte, am besten sogar als Professor anzuredende Experten Auskunft über das, was die interessierten Menschen eben so interessiert. Sie schreiben Bücher oder Zeitschriftenartikel, die schon im Titel oder im Untertitel ein „Wie“ oder ein „Warum“ zu stehen haben und vorgeben, diese Fragen auch beantworten zu können. Die Texte klingen irgendwie allgemeinverständlich und plausibel, die Schlussfolgerungen scheinen zwingend zu sein, und wo man ihnen aus der Logik des Textes heraus doch nicht folgen kann, hilft dem Leser die Autorität des ausgewiesenen und sympathischen Experten.

Diese Texte sind, wenn man sie genau betrachtet, nur scheinbar allgemeinverständlich. Sie bestehen aus einfachen Sätzen, die man sich gut merken kann, sie verwenden schöne Metaphern und Beispiele, die einleuchten. Aber was hat man nach dem Lesen wirklich verstanden in dem Sinne, dass man sich darauf verstehen würde, das Argument des Textes selbst und in der eigenen Welt nachvollziehen zu können?

Für solche Texte oder auch Vorträge und Interviews gibt es einen Markt, da gibt es eine Nachfrage und es gibt Autoren, die sich darauf verstehen, diesen Markt zu bedienen. Sie können sich sogar einreden, dass sie etwas Gutes tun, dass sie den Menschen irgendwie Orientierungswissen geben würden. Das ist natürlich fragwürdig, denn so viele Experten, so viele unterschiedliche Argumente, und da das Publikum gerade nicht in die Lage versetzt wird, sich selbst ein Urteil zu bilden, ist es am Ende orientierungsloser als zuvor. Zumindest aber kann sich der Philosoph, der auf diese Weise popularisieren kann, sagen, dass er sein Publikum gut unterhalten hat, und das ist ja vielleicht auch schon was wert.

Die Zwillingsschwester dieses Betriebs der Produktion populärer philosophischer Literatur ist übrigens die akademisch betriebene Philosophie an den Universitäten. Hier gebärdet sich die Philosophie ganz als spezialisierte und sich selbst in Spezialgebiete ausdifferenzierende Fachwissenschaft in der es darum geht, zu kleinen Einzelfragen Paper zu produzieren und Leistungsnachweise zu erbringen. Die Fragen, die diese Paper beantworten, werden von anderen Papers als offene Fragen gestellt, werden in Forschungsprogrammen „aufgeworfen“ und in Drittmittelprojekten beantragt. Diese akademische Philosophie kann schon deshalb nicht populär sein, weil die Fragen, mit denen sie sich beschäftigt, in ihrer Spezialität dem Menschen außerhalb der Universitäten fremd sind. Man fragt sich natürlich, warum wir dennoch meinen, dass die Leute, die ihre Qualifikationen in diesem Betrieb erworben haben, am Ende die Experten sind, die uns mit dem Orientierungswissen für unseren schwierigen Alltag „versorgen“ könnten.

Dieser Popularisierung steht eine andere Möglichkeit populärer Philosophie gegenüber, die die positiven Wissenschaften nicht kennen. Am Beginn der abendländischen Philosophie steht mit der Figur des Sokrates, die uns von Platon überliefert wurde, ein popularisierender Philosoph: Jemand, der die selbstverständlichen, aber doch schon unsicher oder fragwürdig erscheinenden Vor-Urteile der Menschen aufnimmt und sie systematisch und methodisch analysiert und befragt. Einer, der seinen Gesprächspartnern die problematischen Punkte ihres Weltbildes verdeutlicht. Der dadurch den sicher geglaubten Grund als Illusion aufzeigt und seine Gesprächspartner ein Stück weit auf einen etwas sichereren Grund begleitet – dessen Sicherheit allerdings zumeist nur darin besteht, dass man sich der Fallen und Untiefen bewusster geworden ist.

Diese Form populärer Philosophie wäre heute genauso nötig wie zu Sokrates‘ Zeiten – sie ist allerdings heute fast genauso gefährlich. Zwar wird man heute nicht mehr zum Tode verurteilt, weil man die Selbstverständlichkeiten der geläufigen Weltbilder zu erschüttern wagt – aber man macht sich damit kaum Freunde, zumal man mit dieser Methode kaum einmal Partei ergreifen kann in den Auseinandersetzungen der Gegenwart. Selbsttäuschung und dürftige Vorurteile gibt es ja auf allen Seiten, und die subversive Unterwanderung der klaren Weltsicht ist bei fast niemandem beliebt. Vielleicht hat diese Weise, öffentlich zu philosophieren nach Sokrates‘ bösem Ende auch kaum mehr mutige Vertreter gefunden.

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