Was macht Philosophie?

Woran erkennt man Philosophie? Hat sie einen Gegenstand, eine Methode oder ein klares Erkenntnisziel? Irgendwie wissen wir, wann wir philosophieren, obwohl wir eine klare Definition dieses Denkens nicht angeben können. Vielleicht ist Philosophie gerade das Denken, das keinen eindeutigen Gegenstand hat, aber trotzdem als notwendig angesehen wird? Dem widerspricht, dass wir doch Teil-Disziplinen des Philosophierens angeben können, die wir gerade durch ihren Gegenstand voneinander unterscheiden. Der Logik etwa geht es um die Regeln des Denkens, der Erkenntnistheorie um die Möglichkeiten, Grenzen und Gegenstände des Erkennens der Welt, der Religionsphilosophie geht es um Religion. Also hat die Philosophie doch Gegenstände? Merkwürdig aber ist, dass sie diese Gegenstände dann mit je bestimmten Wissenschaftsdisziplinen gemeinsam hat, etwa mit der Psychologie, wenn es ums Denken und Erkennen geht, mit der Religionssoziologie oder -Geschichte, wenn es um die Religion geht.

Philosophie und Wissenschaften

Was unterscheidet die Philosophie dann von diesen Wissenschaften? Ist es die Methode oder das Ziel des Erkennens? Bleiben wir noch einen Moment bei der Frage nach dem Gegenstand. Nur auf den ersten Blick ist der Gegenstand der Religionsphilosophie und der Religionssoziologie der gleiche. Die Soziologie interessiert sich für konkrete Vorkommnisse von Religionen, sie untersucht und vergleicht soziale Strukturen, beobachtet und systematisiert sie in ihrer Entwicklung. Demgegenüber fragt die Philosophie: Was ist überhaupt Religion? Woran erkennen wir sie denn, was macht sie aus? Wann sind wir berechtigt, bei einem beobachteten Ereignis von Religion zu sprechen, und wie rechtfertigt sich diese Begriffsverwendung? Mit anderen Worten, sie versucht, zu bestimmen, was der Gegenstand der Religionssoziologie überhaupt sein kann.

Wenn man sagt, das die Wissenschaft selbst doch ebenso ihren Gegenstand definiert, dass etwa die Religionswissenschaft angeben könnte, was per Definition zu einer Religion dazugehört und was nicht, dann zeigt sich darin, dass Philosophie eben nicht im gleichen Sinne Gegenstände definiert wie die Wissenschaft. Das ist auch der Grund, warum wir hier von Begriffsbestimmung und nicht von Definition sprechen. In der Tat kann eine Religionswissenschaft eine Definition von einem Gegenstand angeben, den sie als Religion bezeichnet. Sie kann etwa sagen, Religion sei eine soziale Praxis, für welche diese und jene Kriterien erfüllt seien. Nach dieser Definition gehört dann die eine Praxis zu den Religionen, die andere nicht. Abgesehen davon, dass wieder zu definieren wäre, was „soziale Praxis“ dann bedeutet (was der Wissenschaft gewiss ebenso möglich wäre), kann aber die Wissenschaft nicht erklären, warum ihre Definition gerechtfertigt ist und warum sie das Phänomen, das ja zuvor schon bekannt ist, wohl mit dieser Definition eingefangen kann. Dazu müsste es einen vorwissenschaftlichen Vorbegriff davon geben, was das interessierende Ding, hier die Religion, überhaupt ist, sodass man überhaupt prüfen kann, ob die Definition auf diese bekannten Phänomene passt, genauer, ob die Kompromisse, die mit der Definition notwendig gemacht werden müssen, akzeptabel sind, sodass man etwa sagt: Dieses Verhalten hier, das hat zwar etwas religiöses, aber es ist in den Begriffen der Wissenschaft keine Religion. Die Bestimmung solcher Begriffe wie der Religiösen, das von den Wissenschaften in Definitionen gebracht wird, versucht die Wissenschaft.

Gegenstandsbestimmung statt -untersuchung

Philosophie ist also eher Gegenstandsbestimmung als Gegenstandsuntersuchung. Sie versucht, festzustellen, was überhaupt als Gegenstand einer empirischen Untersuchung gelten könnte, was die Begriffe, mit denen wir unsere empirischen Erfahrungen ordnen wollen, überhaupt bedeuten und unter welchen Bedingungen sie eine klare Bedeutung haben können.

Philosophie und Empirie

Daraus folgt, dass die Philosophie nicht im gleichen Sinne empirisch sein kann wie die Wissenschaft. Natürlich wird sich auch die Philosophie irgendwie auf die Welt, die Ereignisse und das, was wir darin erleben, beziehen. Wer über Religion philosophiert, der weiß schon, dass es so etwas wie Religion gibt, genauer gesagt, dass der Begriff Religion irgendeine Bedeutung hat, dass benutzt werden kann, um in der Welt zurecht zu kommen. Und auch im Ergebnis wird die Philosophie sich an der Welt messen, nämlich dadurch, ob das Philosophieren in irgendeiner Weise zur Aufklärung der Ereignisse und Erlebnisse beitragen kann.

Aber die Philosophie kann sich nicht, wie die Wissenschaft, bestimmte Ereignisse, Erlebnisse und Beobachtungen herausgreifen und sie zu ihrem Untersuchungsgegenstand bestimmen. Sie muss hinsichtlich dessen, was sie etwa als Religion ansieht, immer offen sein, denn es kann sein, dass ihre Klärungen dazu führen, dass neues einbezogen wird, was bisher nicht Gegenstand der philosophischen Betrachtung war, oder das etwas ausgeschlossen wird, was zuvor in der alltäglichen Sprache dazugehörte.

Der Gegenstand der Philosophie ist also Gegenstandsbestimmung. Deshalb ist Philosophie immer Reflexion. Wir schauen nicht in die Welt, um dort Gegenstände zu finden und zu erkennen, sondern wir schauen auf die Gegenstände, die wir schon gefunden haben, die wir schon im Denken über die Welt benannt, mit Begriffen, die Bedeutungen haben, versehen haben, und denken über diese Bedeutungen nach. Philosophie ist also, auch wenn sie das nicht explizit so benennt, immer nach innen gerichtet. Ihr Material findet sie nicht in der Beobachtung der Außenwelt, sondern im Denken über die Außenwelt. Auch wenn sie, in allgemeinsten Begriffen, die Ereignisse und Erfahrungen der Außenwelt beschreibt, geht sie eigentlich von den generalisierenden Denkweisen aus, die sich zuvor im Beobachten und Erleben gebildet haben, und versucht, über diese in allgemeinster Weise nachzudenken.

Aber vielleicht ist dies, in seiner absoluten, selbst verallgemeinernden Formulierung, auch nicht richtig. Denn indem wir das so schreiben, betreiben wir selbst schon Philosophie in dem Sinne, wie wir es hier beschrieben haben. Wir reflektieren über unsere Erfahrungen und Erlebnisse des Philosophierens, und diese Erfahrung ist eben immer „unsere“. Was bedeutet dieses „wir“, das sich darin ausspricht? Es ist zunächst einmal ein „ich“, das des Autors, der diese Gedanken niederschreibt. Das „Wir“ ist aber keine Anmaßung und auch kein stilistischer Trick, um das Ich zu vermeiden. „Wir“ im philosophischen Schreiben, das ist die Gemeinschaft aus schreibendem Autor und den Lesern, die eingeladen sind, diese Gedanken mit- und nachzuvollziehen und die diese Gedanken nachvollziehen können. Einzelne Leser werden sich diesem Wir mal zugehörig und mal von ihm ausgeschlossen fühlen. Das betrifft schon den Begriff des Philosophierens, den wir hier skizziert haben. Es mag Leser geben, die diese Skizze nicht als ihre akzeptieren können. Ich als Autor hoffe natürlich darauf, gute Gründe geben zu können, dass sich meine Leser in das Wir des Denkens, das in diesem Buch praktiziert wird, einbeziehen lassen.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.