Was ist Phänomenologie?

Die Methode, die wir hier verwenden, ist die der Phänomenologie, und damit eigentlich eine spezielle Vorgehensweise innerhalb der Philosophie. Es ist bekannt, dass es auch andere Weisen des Philosophierens gibt. Als Phänomenologe ist man davon überzeugt, dass die Phänomenologie eine Methode ist, die die einzige ist, die akzeptiert, dass sie nicht empirisch ist, und dennoch nicht frei schwebt. Denn sie findet ihr Material im Denken, auf das sie denkend reflektiert, im Sprechen, das das Denken kommunizierbar macht, und im Handeln, das sich durch das Denken vom bloßen Verhalten unterscheidet. Die Phänomenologie ist nun eine bestimmte Methode, diese drei zum Gegenstand zu nehmen, und die besteht, kurz gesagt, darin, dass wir an einem konkreten Fall, ob ausgedacht oder real, etwas einsichtig machen, etwas wesentliches, grundsätzliches sichtbar machen. Man nennt diese Schlussweise intuitiv, die Schlussform also die Intuition. Aus der formalen Logik sind die Deduktion und die Induktion bekannt. Bei der Deduktion, die die formalen Logiker als einzige wirklich sichere Schlussform ansehen, wird von etwas Allgemeinem auf den Einzelfall gefolgert. Bei der Induktion, die wir im Alltag oft anwenden, folgert man aus einer großen Zahl von Fällen auf den nächsten Fall und genau genommen auf das Allgemeine. Bei der Intuition hingegen folgern wir aus einem Einzelfall auf das Wesen einer Sache, auf das Allgemeine, das sich in diesem Einzelfall zeigt.

Kann das denn überhaupt zu sinnvollen Ergebnissen führen? Ist der intuitive Schluss nicht völlig beliebig? Man muss sich klar sein, dass der intuitive Schluss ganz anders funktioniert als der deduktive und der induktive. Man schließt genau genommen nicht aus dem einen Fall auf den anderen, sondern man sieht im Einzelfall das Allgemeine.

Deduktion und Induktion

Ein bekanntes Beispiel: Deduktiv kann man etwa so schließen: Aus der allgemeinen Regel, dass alle Raben schwarz sind, und der Angabe, dass der Vogel, den ich gerade sehe, ein Rabe ist, kann ich schließen, dass dieser Vogel schwarz ist.

Induktiv geht ein Schluss über Raben so: Ich sehe eine Schar von Vögeln und weiß, dass es sich um Raben handelt. Ich bemerke, dass alle diese Vögel schwarz sind. Daraus schließe ich induktiv, dass auch der nächste Rabe, den ich zu Gesicht bekommen werde, schwarz sein wird. Ich schließe vielleicht sogar, dass alle Raben schwarz sind.

Der intuitive Schluss

Wie funktioniert nun der intuitive Schluss: Ich sehe einen einzigen Vogel und jemand sagt: „Das ist ein Rabe, dieser Vogel verkörpert sogar wie kein anderer das Wesen des Raben!“ Ich sehe den Vogel an, ich beobachte ihn, und bin sicher, dass ich zukünftig mit ziemlicher Sicherheit Raben erkennen werde, dass ich Raben von nun an von allen anderen Vögeln unterscheiden kann. Ich habe in diesem Vogel sozusagen das Phänomen des Rabe-Seins erblickt – deshalb Phänomenologie.

Schaut man sich die drei Schlussformen etwas genauer an, dann bemerkt man, dass sie alle ihre Schwächen haben. Am schlechtesten ist es eigentlich um die Deduktion bestellt, denn sie liefert überhaupt kein neues Wissen. Alles, was in der Deduktion ausgesprochen wird, müssen wir zuvor schon wissen: Wir müssen wissen, was Raben sind und woran man sie erkennt, und dass sie eben alle schwarz sind. Sodann müssen wir auch schon wissen, dass das Exemplar, welches wir sehen, ein Rabe ist. Die Tatsache, dass dieses Tier dann schwarz ist, ergibt sich trivialerweise aus dem, was wir schon wissen.

Ein bisschen besser ist es um die Induktion bestellt, denn immerhin stellen wir hier eine Hypothese auf, die sich auf neue, unbekannte Fälle anwenden lässt. Aber die Induktion ist ebenfalls sehr voraussetzungsreich. Wir müssen von irgendwoher wissen, dass die Tiere, die wir da gerade sehen, alle Raben sind, und wir müssen auch wissen, dass der Vogel, den wir dann irgendwann mal sehen, ein Rabe ist, damit wir die induktive Regel, bei der wir aus der Tatsache, dass alle Raben, die wir bisher gesehen haben, schwarz waren, folgern können, dass auch der nächste Rabe schwarz sein wird.

Es gibt, nebenbei gesagt, auch noch eine andere Schlussformel, die der induktiven Schlussformel ähnelt. Es gibt sogar noch viele weitere solcher Schlussformeln, die dieser verwandt sind, und wir kommen mit ihnen ganz wunderbar durchs Leben. Man nennt alle diese Schlussformeln abduktiv. Eine davon können wir hier noch kurz betrachten: Gesetzt, wir haben eine Schar von Vögeln gesehen von denen wir wissen, dass es Raben sind. Wir haben beobachtet, dass sie alle schwarz sind. Nun sehen wir einen weiteren Vogel, der ebenfalls schwarz ist, und schlussfolgern daraus, dass es sich wohl um einen Raben handeln wird.

Diese Schlussfolgerung ist etwas schwächer als die Induktion, wie wir sie zuerst angeschaut haben, denn es kann ja viele Vogelarten geben, die schwarze Federn haben. Aber wir können aus ihr und aus der Abduktion überhaupt eine Menge für das Verständnis des intuitiven Schlusses der Phänomenologie lernen. Denn wir erkennen an dieser Variante des abduktiven Schlusses, dass uns beim Beobachten des Vogelschwarms etwas aufgefallen ist: all diese Vögel haben eine Gemeinsamkeit, nämlich die schwarzen Federn, und irgendwie scheint es zum Wesen der Raben zu gehören, dass sie schwarze Federn haben. Um so eine Schlussfolgerung ziehen zu können, muss man schon vorher eine Menge gelernt haben, vor allem, dass es Klassen (bei Tieren sagen wir: Arten) von Gegenständen gibt, in die wir unsere Beobachtungen einordnen können, indem wir die einzelne Beobachtung in eine solche Klasse einordnen, und zwar, indem wir wesentliche Unterscheidungsmerkmale zu anderen Gegenständen ausmachen.

Ein Ding als Etwas sehen

Dabei ist bedeutsam, dass wir die einzelnen beobachteten Objekte bei dieser Einordnung als etwas ansehen. Wir sehen gerade davon ab, dass es ein Individuum ist, und betrachten es nur als Vertreter, als Exemplar (als Beispiel) seiner Eingruppierung. Und das kann auf verschiedenen Ebenen passieren, und auf jeder Ebene wird etwas anderes wesentlich. Als Vogel betrachtet, ist die Fähigkeit zu fliegen wichtig, vielleicht auch die Tatsache, dass das Individuum, welches wir da sehen, überhaupt federn hat, als Rabe angesehen, wird die Farbe der Federn, die Größe und die Stimme wichtig.

Wir wissen, dass wir uns im abduktiven Schluss irren können, wie wir uns überhaupt immer irren können, wenn wir nicht, wie beim deduktiven Schluss, bei unserem bisherigen Wissen stehenbleiben sondern uns auf die Suche nach neuen Einsichten machen. Wir können einerseits Vögel beobachten, die wir beim ersten Hinsehen als Raben ansehen, bei denen sich aber später herausstellt, dass es keine Raben sind. Die Farbe der Federn hat uns getäuscht, denn sobald einer von ihnen den Schnabel öffnet, ertönt statt des Krächzen ein lieblicher Gesang, und wir stellen fest: Das sind keine Raben. Es kann aber auch sein, dass wir einen weißen Vogel beobachten und meinen, dass das auf keinen Fall ein Rabe sein kann. Irgendwer überzeugt uns aber, dass es sich doch um einen Raben handelt, vielleicht, weil er weiß, dass die Eltern dieses Vogels beide schwarze Raben waren.

Beide Fälle sind interessant, wenn wir aus dem abduktiven Schluss heraus den intuitiven Schluss der Phänomenologie verstehen wollen. Zum einen erkennen wir, dass es für das Verstehen des Wesens eines Individuums, welches uns ermöglicht, es als Beispiel einer Klasse zu sehen, in die wir es eingruppieren können, nicht auf ein einzelnes Merkmal, sondern auf ein Zusammenspiel von Merkmalen ankommt, manche Merkmale bringen uns auf eine Spur, andere bringen uns auf eine andere Spur zur Eingruppierung des Individuums. Letztlich ist es immer eine Entscheidung des Beobachters, genauer gesagt, der Gemeinschaft der Beobachter, wie Gruppen gebildet und Eingruppierungen vorgenommen werden. Diese Entscheidungen haben gewissermaßen eine ökonomische Perspektive: Sie sollen uns helfen, handeln zu können, und die Welt fürs Handeln verstehen, mit ihr umgehen zu können. Sie müssen praktikabel sein. Und hier kommt auch das zweite Beispiel des Irrens ins Spiel: Wir akzeptieren Abweichungen, Ausnahmen, Fälle, die nicht ganz passen. Ob wir für die eine neue Gruppe aufmachen oder ob wir die Ausnahmen in der Gruppe tolerieren, hängt wieder von Aspekten der Praktikabilität ab.

Wissenschaft

Es ist in den letzten Jahren üblich geworden, der Wissenschaft, der Forschung die letzte Autorität über die Zugehörigkeit zu solchen Gruppierungen zuzusprechen. Inwiefern die Wissenschaft da wirklich hilft und ob sie nicht vielmehr zu der Erkenntnis führt, dass es in der Realität keine klaren Gruppen, auch keine Arten und Klassen gibt, lassen wir hier dahingestellt, weil die Wissenschaft uns ohnehin nur begrenzt helfen kann, wenn es um praktisch wichtige Fragen geht. Wenn wir wissen wollen, ob ein Vogel nun ein Rabe ist oder nicht, mag die Biologie sogar als Entscheidungsinstanz akzeptabel sein, es handelt sich dabei allerdings kaum einmal um eine Frage, die praktisch wirklich wichtig ist. Ein schönes Beispiel ist aber die Zugehörigkeit von Früchten zur Gruppe der Beeren. Hier hat die Wissenschaft irgendwann einmal herausgefunden, dass etwa Erdbeeren nicht zu den Beeren zählen. Eine Einsicht, die fürs praktische Leben eher verwirrend als nützlich ist. Beeren sind in der täglichen Praxis eben Früchte, die an Sträuchern wachsen, zu bestimmten Jahreszeiten reif sind und dann zum Pflücken und Essen verleiten. Praktisch wichtig ist nicht, dass die Erdbeeren im Gegensatz zu Blaubeeren ihre Samen außen tragen, sondern ob diese attraktiven Früchte wirklich bekömmlich oder vielleicht giftig sind.

Zudem kann uns die Wissenschaft in vielen Fällen, die für unser Zurechtkommen in der Welt wichtig sind, ohnehin nicht helfen. Es sind dies diejenigen Fälle, in denen die Individuen, die wir beobachten, in unserer Praxis und in der Beobachtung, die Teil der Praxis ist, erst entstehen. Denken wir an die Liebe, die Freiheit, das Glück. Wenn wir die erkennen wollen, wie wir einen Raben erkennen, dann kommen wir mit der Wissenschaft nicht weiter. Wenn wir die Freiheit von der Unterdrückung unterscheiden wollen, dann müssen wir ihr Wesen beschreiben.

Die Phänomenologie

Damit sind wir schon recht dicht am eigentlichen Sinn der phänomenologischen Methode, die sich des intuitiven Schlusses bedient. Der Phänomenologie geht es nicht darum, zu bestimmen, was ein Rabe ist oder eine Erdbeere. Diese Beispiele sind zwar geeignet, um intuitiv zu verstehen, was ein intuitiver Schluss ist und worin letztlich das Wesen der Phänomenologie besteht, aber sie stehen nicht im Zentrum der Phänomenologie. Der Phänomenologie geht es nicht um Erdbeeren oder Raben, sondern um Erlebnisse, um praktische Erfahrungen. Was für den Phänomenologen interessant ist, ist nicht, durch anstarren oder analysieren zu bestimmen, ob ein Ding eine Beere ist, sondern zu beschreiben, wie es ist, eine Beere zu essen.

Wobei das Essen der Beere dann eben nur ein Beispiel, ein Fall, für ein allgemeineres Erleben ist, dass sich im Beerenessen zeigt – etwa für den Genuss.

Kommen wir noch einmal zurück zur Abduktion und zu den Raben. Wir hatten gesagt, dass wir das Wissen für den abduktiven Schluss aus der Beobachtung vieler Raben ziehen. Wir könnten sagen, dass wir daraus intuitiv eine Vorstellung gewonnen haben, was einen beliebigen Vogel zu einem Raben macht. Sehen wir nun einen weiteren Vogel, dann können wir sagen: Das ist ein Rabe! Vielleicht sagen wir sogar: „Was für ein Rabe! Das ist das Idealbild eines Raben! Es ist ein Rabe, wie ich ihn noch nie gesehen habe!“ – das bedeutet, wir sind in der Lage, aus den vielen Einzelfällen, aus den Variationen unter den verschiedenen Individuen, ein Bild von einem Raben zu erzeugen, das das Wesen des Raben schlechthin ausmacht. Wenn wir dann den einen Raben sehen, dann wissen wir, dass wir ihn zum paradigmatischen Raben schlechthin erklären können.

Auch der intuitive Schluss des Phänomenologen basiert natürlich auf vielen vorhergehenden Erfahrungen und Erlebnissen. Wir setzen jedoch ein wenig später an. Wir versuchen, aus den vielen Erfahrungen, aus den Erlebnissen und Handlungen, in denen wir Begriffen benutzt haben, einen klaren Begriff zu gewinnen, eine paradigmatische Beschreibung für eine Erfahrung, zu der wir sagen können: Sieh hin, das ist das Wesen der Sache, die sich in diesem Begriff ausspricht.

Auch wenn es so scheinen mag, als ob der intuitive Schluss eine spontane Eingebung ist, ist doch die phänomenologische Arbeit ein langer Prozess des Nachsinnens, Abwägens, Variierens. In dem konkreten Fall, in dem Beispiel, das wir wählen, soll sich etwas zeigen, und das ist zumeist nicht das Wesen einer Reihe physischer Objekte, etwa aller Vögel des Schwarms dort drüben auf dem Platz, sondern das Wesen eines Konzeptes, eines Begriffs, den wir im allgemeinen Sprachgebrauch eben intuitiv verwenden und verstehen. Der phänomenologischen Analyse geht es darum, den Gedanken, die Bedeutung, den Sinn dieser Begriffsverwendung zu klären. Sie will die Bedeutung des Begriffs aufklären. Dazu nimmt sie Beispiele her und variiert sie, so lange, bis in dem Beispiel eine klare Bedeutung sichtbar wird. Das macht den Begriff verständlich und klar in dem Sinne, dass derjenige, der der phänomenologischen Analyse folgt, am Ende einsehen muss, dass es sinnvoll ist, den Begriff genau in dieser Bedeutung zu verwenden.

Phänomenologie ist also Beschreibung. Sie ist im gewissen Sinn der Kunst ähnlich. Denken wir an einen Roman, der die Geschichte eines Paars erzählt. Am Ende könnte der Leser sagen „In dieser Geschichte habe ich die Wahre Liebe gesehen, nun weiß ich, was wahre Liebe ist!“ in der Beschreibung eines Falls konnte der Leser also das Wesen eines Konzepts, der Wahren Liebe, erkennen.

Im Gegensatz zur Kunst erzeugt und verwendet die Phänomenologie jedoch explizite Begriffsbestimmungen, die sie aus den Beispielen ableitet oder mit ihnen stützt, beglaubigt, illustriert. Die konkreten Fälle, die der Phänomenologe beschreibt und variiert, um das Phänomen zu sehen und sichtbar zu machen, sind nur ein Teil, vielleicht der Einstieg, vielleicht auch als Prüfinstanz, auf die er immer wieder zurückkommt in seiner Analyse. Letztlich geht es ihm um die Erzeugung eines möglichst klaren und umfassenden Begriffssystems, das seinen Gegenstand im Wesen beschreibt. So wird es möglich, den Gegenstand im Wesen zu verstehen.

Diese Formulierung des Verstehens unterscheidet sich von dem der Wissenschaft. Die Wissenschaft spricht davon, einen Gegenstand verstanden zu haben, wenn sie seine Ursachen, die Bedingungen seines Auftauchens und die Mechanismen seines Entstehens benennen und in eine allgemeine Theorie der Dynamik eines Gegenstandsbereiches einordnen kann. Intelligenz zu verstehen z.B. bedeutet für den Biologen, zu verstehen, wie intelligentes Verhalten auf Grund biologischer und chemischer Prozesse möglich wird, oder wie es sich im Laufe der Evolution entwickeln konnte oder musste.

Dem Phänomenologen hingegen geht es darum, zu beschreiben, was der Begriff der Intelligenz überhaupt umfasst, was ihn im Wesen ausmacht, wie man Intelligenz erkennt. Die Phänomenologie geht der Wissenschaft also im Prinzip voraus, indem sie zunächst einmal klärt, was das überhaupt ist, was die Wissenschaft zu erklären, auf Ursachen zurückzuführen hat. Wenn etwa die Intelligenzforschung eine bestimmte Fähigkeit als „intelligent“ bezeichnet, um zu erklären, wie sie möglich wird, wie sie entsteht und wie sie sich entwickelt, dann kann die Phänomenologie zu klären versuchen, ob es sich bei dieser Fähigkeit tatsächlich um das handelt, was wir unter Intelligenz verstehen, etwa, wenn wir einem Menschen eine hohe Intelligenz zusprechen. Wenn die moderne technologische Entwicklung Computer hervorbringt, die über „künstliche Intelligenz“ verfügen, dann kann die Phänomenologie fragen, ob das Verhalten dieser Computer im Wesen das gleiche ist wie das, was wir unter menschlicher Intelligenz verstehen.

Man könnte meinen, dass diese Arbeit der Begriffsbestimmung und der Gegenstandsabgrenzung doch von den Wissenschaften selbst geleistet werden müsste, aber das ist nicht der Fall. Wissenschaften gehen immer von einem bestimmten beobachteten Verhalten aus ihrer eigenen Gegenstandswelt aus. Sie brauchen insbesondere von Anfang an bestimmte beobachtbare Ereignisse, die sie reproduzieren und messen können. Für diese Ereignisse verwenden die Wissenschaften dann gern naheliegende Begriffe aus der Alltagssprache. So kann z.B. die biologische Verhaltensforschung ein bestimmtes Verhalten bei Tieren, das als Lösen eines Problems interpretiert werden kann, der Einfachheit halber als „intelligent“ bezeichnen. Ebenso kann eine bestimmte Kategorie von Prtoblemlösungsalgorithmen, die eine definierte Komplexitätsgrenze überschreiten, die von Computern möglicherweise sogar genauer oder schneller als von Menschen ausgeführt werden können, als „intelligent“ bezeichnet werden. Für die Wissenschaft und die technologische Forschung ist wichtig, dass sie für das, was sie untersucht, objektive Maßzahlen und Vergleichsmethoden findet. Legendär ist in diesem Zusammenhang der Satz „Intelligenz ist das, was der Intelligenztest misst“.

Das ist so lange unproblematisch, wie wir den wissenschaftlichen Begriff nicht verallgemeinern. Am Begriff der Intelligenz lässt sich das besonders gut beobachten, weil wir schnell merken, dass z.B. Intelligenztests durch eine bestimmte, historische Vorstellung von Intelligenz geprägt sind. Sie kommen dementsprechend, wenn man den Intelligenzbegriff, den sie nutzen, verallgemeinert, zu ganz absurden Ergebnissen, etwa, dass unsere Urgroßeltern weit weniger intelligent waren als wir, dass Menschen aus Europa intelligenter sind als andere, diese aber in den vergangenen Jahrzehnten „aufgeholt“ haben usw.

Phänomenologie nutzt deshalb wissenschaftliche Begriffsbildungen und Ergebnisse zur kritischen Reflexion über die die eigenen Konzepte. Sie ist in diesem Sinne der Wissenschaft auch nachgelagert. Sie fragt, ob die Konsequenzen aus der wissenschaftlichen Begriffsnutzung der intuitiven Analyse standhalten und ist steht damit in einem kritischen Verhältnis zur Wissenschaft. Sie tut dies nicht, um irgendwie eine alte Sichtweise gegen die Wissenschaft zu verteidigen, sondern um das eigene Verständnis der Phänomene weiterzuentwickeln.

Man darf von der Phänomenologie indes nicht erwarten oder gar erhoffen, dass sie endgültige und unumstößliche Antworten auf die Frage nach dem Wesen bestimmter zentraler Kategorien findet. Es ist besser, wenn man jede phänomenologische Untersuchung als Angebot ansieht, im Anschluss an unsere alltägliche Sprachverwendung im Umgang mit der Welt ein System von Begriffen zu finden, dass dem Wesen, und das heißt eigentlich, unserem gemeinsamen, oft unausgesprochenen Verständnis von unserer Welt größtmögliche Klarheit zu geben. Zu jedem dieser Angebote kann es Alternativen geben, denn das Wesen der Dinge, das sich in der Klarheit und Stimmigkeit der Konzepte zeigt eindringlich und fast zwingend zeigt, gehört nicht irgendwie als Eigenschaft zu den Dingen da draußen in der objektiven Realität, sondern zu unserem Verständnis von der Welt. Und dieses Verständnis kann auch anders sein, als es von einem Phänomenologen beschrieben wird, auch wenn es für seine Umwelt zwingend erscheint.

Phänomenologische Klärung

Zudem haben die Versuche der Phänomenologen gezeigt, dass es ein unendliches Unterfangen ist, Klarheit in unser Verständnis vom Wesen der wichtigen Elemente unseres Lebens in der Welt zu bekommen. Phänomenologische Klärungen laufen nicht auch prägnante knackige Definitionen hinaus, sondern darauf, die Vielfalt der Phänomene zu erblicken. Martin Heideggers Vorlesungsreihen unter dem Titel „Was heisst Denken?“ sind ein hervorragendes Beispiel dafür. Am Ende der Lektüre hat der Leser keine knappe Definition bei der Hand, nach der er wie jeder andere Denken vom Nicht-Denken unterscheiden könnte, aber er hat doch Klarheit darüber bekommen, was Denken heißt.

Wie geht nun das phänomenologische Denken vor sich? Wir haben es auf den Seiten bis hier her bereits versucht, denn wir haben versucht, das Wesen der Phänomenologie zu beschreiben, haben sozusagen eine Phänomenologie der Phänomenologie skizziert. Wir beginnen vielleicht bei einem Beispiel, bei einem konkreten Fall, den wir von einem anderen unterscheiden. Wir versuchen, einen Begriff dafür zu finden und prüfen, ob er passt. Wir variieren den Begriff und das Beispiel, wir nehmen ein zweites Beispiel hinzu und suchen nach weiteren, benachbarten Begriffen. Wir spüren den Bedeutungsunterschieden nach und fragen, warum wir zwei Begriffe für Ähnliches benötigen, warum es Bedeutungsnuancen gibt. Wir schärfen die Begriffe, indem wir den einen für die eine Bedeutung und die andere für die andere Bedeutung reservieren. So gewinnen wir ein Begriffssystem, mit dem wir möglichst vieles von dem, was uns in dem Bereich der Welt begegnet, auf den wir gerade schauen, klar beschreiben können. Dass Ergebnis ist, so können wir dann hoffen, eine Phänomenologie dieses Weltbereiches.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.