Vernunft und vernünftig sein

Wenn wir uns nun daran machen, die Gewissheiten der vernetzten Vernunft zu verstehen, dann müssen wir uns zunächst einen Begriff davon machen, was wir alles zur Vernunft zählen wollen. Wir hatten schon gesagt: uns geht es um die ganze Vernunft der Gegenwart, dass gerade diese sich als vernetzt charakterisieren lässt, wird sich erst im Verlaufe der vor uns liegenden Betrachtungen immer wieder aufs Neue zeigen.

Vernunft, so sagten wir schon mehrfach, ist die Fähigkeit, Begründungen angeben zu können. Das Geben einer Begründung ist ein Akt eines Subjekts. Begründen ist Vollzug, ist vernünftig sein. Jemand gibt eine Begründung, zumeist einem anderen Subjekt gegenüber. Wir können uns auch selbst etwas begründen. Wir teilen und dann sozusagen in zwei Teile auf: Während ein Teil meines Selbst einen Grund sucht und angibt, prüft der andere Teil dieses Selbst, ob der Grund akzeptabel sei.

Zunächst wollen wir der Einfachheit halber zwei Subjekte annehmen, eines, das begründet, Gründe gibt, und eines, das Gründe akzeptiert. Auch die Frage, ob diese Subjekte immer einzelne Personen sein müssen, lassen wir bis auf weiteres außen vor. Wir sehen in der einfachsten, elementaren Konstellation ein Subjekt, welches etwas zu begründendes hat, und ein zweites, das der Begründung nachfragt. Im diesem ersten Teil unseres Unternehmens geht es um Gewissheiten, also hat dieses Subjekt eine Gewissheit. Das andere Subjekt fordert eine Begründung für diese Gewissheit. Voraussetzung für Vernunft ist, dass beide Subjekte von dieser Gewissheit Kenntnis haben, das Gewissheit-habende Subjekt hat seine Gewissheit mitgeteilt, und zwar als Gewissheit. Zur Vernunft gehört, dass die Subjekte über Gewissheiten sprechen können.

Drehen wir uns hier schon im Kreis? Muss nicht eine Gewissheit darüber bestehen, dass jemand eine Gewissheit hat, damit dieser überhaupt nachgefragt, damit Gründe für die Gewissheit gefordert und angegeben werden können? Woher sollte diese Gewissheit kommen? Wir sind in einer Logik gefangen, die solche Kreise als problematisch ansieht, und wir werden später sehen, dass wir uns aus dieser Logik befreien und eine neue Logik finden müssen. Im Moment sagen wir: Ja, wir drehen uns in einem Kreis, genauer, wir bewegen uns auf einer Spiralbahn, die eine breite Spur zieht, sodass es beim Vollenden des Zirkels den Anschein haben mag, wir vollzögen einen Kreis, und bewegen uns doch allmählich von einem Inneren ins Äußere.

Wer begründet, akzeptiert, dass Begründungen gefordert werden. Er gibt Begründungen, von denen er wiederum annimmt, dass sie vom anderen akzeptiert werden. Zur Vernunft gehört nicht nur das Abgeben, sondern auch das Annehmen von Begründungen.

So erscheint also die Vernunft im Geben und Nehmen von Begründungen, im wechselseitigen Fordern und Akzeptieren von Gründen. Wir sagen nicht, dass sie in diesem Geben und Nehmen zwischen Subjekten entsteht, dazu kommen wir erst viel später. Aber wir erkennen die Vernunft in dieser Wechselseitigkeit. Wenn wir gesagt haben, Vernunft sei das Vermögen, Begründungen geben zu können, dann sehen wir jetzt, dass dieses Können ein zweifaches Fordern und Akzeptieren ist. Denn wo niemand etwas entgegen-nimmt, kann auch nichts gegeben werden, und wo gar nichts gefordert wird, kann auch nichts gegeben werden, schließlich gehört zum Geben nicht nur notwendig das Fordern und das Nehmen, sondern eben auch das Annehmen, das Akzeptieren des Gegebenen.

Wer die Begründung gibt, der akzeptiert, dass die Begründung gefordert wird und fordert, dass die Begründung akzeptiert wird. Wer die Begründung annimmt, der hat sie zuvor gefordert und akzeptiert sie schließlich als Begründung.

Wissen wir nun, was Vernunft ist, was es heißt, vernünftig zu sein? Es fehlt uns noch die Bestimmung des Forderns und des Akzeptierens einer Begründung, Wir sprechen hier und zunächst von Begründungen für Gewissheiten. Wenn ich eine Begründung für eine Gewissheit fordere bedeutet das, dass ich die Gewissheit beim anderen als vorhanden annehme, aber mir fehlt etwas zu dieser Gewissheit – mir fehlt der Grund, der die Gewissheit halten kann. Mir ist dieser Grund jedoch nicht gleichgültig, deshalb fordere ich ihn. Wir müssen darin übereinstimmen, dass Gewissheiten Gründe benötigen, und wir müssen gemeinsam die Notwendigkeit der Gründe einsehen. Akzeptieren bedeutet, dass die Forderung erfüllt ist, dass Gründe nun angegeben sind. Wenn ich umgekehrt akzeptiere, dass jemand Gründe für meine Gewissheiten fordert, dann stimme ich mit ihm darin überein, dass Gewissheiten ohne Gründe haltlos sind – zugleich fordere ich, dass die gegebenen Begründungen als Halt meiner Gewissheiten akzeptabel sind.

Dass Vernunft zwischen Subjekten sichtbar wird, setzt also eine mehrfach verschränkte Übereinstimmung zwischen den beiden voraus. Das betrifft nicht die Gewissheiten selbst, sondern ein geteiltes Regelwerk des Forderns und Akzeptierens.

Wie kann ein solches Regel-Werk entstehen? Die Antwort auf diese Frage finden wir in dem Dritten, für den die Vernunft im Verhalten und im Verhältnis der beiden sichtbar wird. Dieser Dritte begleitet uns schon währende der ganzen Beschreibung des Vernünftig-Seins der beiden. Jedes Subjekt ist mal Gewissheit-habender Begründung-Geber, mal Begründung-fordernder und mal – und das vielfach, Vernünftig-Sein Beobachtender Dritter. Wir bilden ein Netzwerk mit vielen Vernünftigen – Begründung-gebende und -akzeptierende Vernunft ist vernetzte Vernunft.

Sagen wir damit, dass Vernunft schon immer vernetzte Vernunft ist? Oder sagen wir, dass frühere Vernunft noch nicht auf das Geben und Akzeptieren von Gründen angewiesen war? Weder, noch. Wir beobachten und beschreiben die Vernunft der Gegenwart. Im Vernetzt-Sein von Gründe-Geben, Gründe-Akzeptieren und diese Wechselseitigkeit als Vernunft verstehen erkennen wir einen ersten charakteristischen Zug dessen, was wir als vernetzte Vernunft bezeichnen werden.

Wir betonen, dass wir weder über die Art der Gewissheiten, noch über den Charakter der Begründungen bisher das mindeste gesagt haben. Vernunft setzt weder eine bestimmte Art von Gewissheiten, noch eine besondere Weise des Begründens voraus – solange sie zwischen den Subjekten akzeptiert werden.

Darüber hinaus halten wir fest, dass das Akzeptieren einer Begründung nicht das Teilen einer Gewissheit bedeutet. Ich kann Gründe für eine Gewissheit akzeptieren, ohne diese Gewissheit selbst zu haben. Es können mir andererseits Gründe für eine Gewissheit, die ich teile, selbst als nicht akzeptabel erscheinen. Darauf werden wir im nächsten Abschnitt zurückkommen.

Das Feld der Gewissheiten

Im ersten Teil unserer Untersuchung geht es also um die Frage, wie die Vernunft in der Gegenwart ihre Gewissheiten begründet. Wir werden uns auf keinen Fall auf eine bestimmte, ausgezeichnete Form oder Weise des Begründens konzentrieren oder beschränken. Das ist auch der Grund, warum wir hier nicht vom Wissen, sondern von Gewissheiten sprechen. Ohne dass jemand genau angeben könnte, was unter Wissen eigentlich zu verstehen ist, wird das Wort heute oft in einer politischen Absicht verwendet. Es dient dazu, bestimmte Formen von Gewissheiten gegenüber anderen abzugrenzen und auszuzeichnen. Wissen wäre dann etwas, was auf eine ausgezeichnete Weise zustande kommt – nämlich durch Wissenschaft – und eine besondere Qualität besitzt, es soll, so meint man, sicherer und objektiver sein, wobei das Attribut des Objektiven auch eine normative Auszeichnung gegenüber anderem, bloß subjektivem ist. Wissen, das dann wissenschaftlich gesichert ist, wäre in so einer Sicht eine besonders anzustrebende und verlässlichere Form von Überzeugungen, welche von anderen Arten von Überzeugungen, etwa Geglaubtem oder Gemeintem, abzugrenzen sei.

Wir wollen uns bewusst in einem größtmöglichen Abstand von solchen Bewertungen halten, auch wenn es uns möglich erscheint, am Ende unseres Wegs ein Urteil über die Berechtigung einer Auszeichnung bestimmter Formen von Überzeugungen gegenüber anderen Formen zu finden. Aber dorthin ist es ein langer Weg. Wir wollen ihn nicht durch einen unbedachten Sprung abkürzen, sondern versuchen, bedachtsam und tastend einen sicheren Grund zu finden, auf dem wir voranschreiten können.

Das Wort Gewissheit gibt den größtmöglichen Grad einer Überzeugung an. Eine Gewissheit bezieht sich auf eine Aussage über einen Sachverhalt, über etwas, was der Fall sein kann oder nicht der Fall sein kann. Gewissheit heißt: Ich bin mir des Sachverhalts so sicher, dass mir ein Irrtum ausgeschlossen scheint. Ein Zweifel an dem Sachverhalt ist mir nicht möglich. Von Gewissheiten können wir andere Grade des Überzeugt-Seins unterscheiden: Das bloße Meinen und das Vermuten. Wir können einem Sachverhalt gegenüber auch neutral eingestellt sein, wir sagen dann, dass wir nicht wissen, ob er zutrifft oder nicht. Schließlich können wir auch bezweifeln, dass der Sachverhalt zutrifft: Dieses Bezweifeln ist, bezogen auf den Sachverhalt, eine negative Vermutung: Einen Sachverhalt zu bezweifeln bedeutet, zu vermuten, dass er nicht zutrifft.

Das Bezweifeln eines Sachverhalts ist also das Vermuten seines Gegenteils. Das bedeutet, zu jedem Sachverhalt gibt es einen gegenteiligen Sachverhalt, und wir können nur von einem der beiden überzeugt sein. Das gebietet die Logik. Welche Logik? Von Alters her kennt die Philosophie das logische Grundprinzip, welches wir hier verwenden, als den Satz vom ausgeschlossenen Dritten. Ist diese Logik, die wir seit zwei Jahrtausenden als die richtige Logik ansetzen, die menschliche Logik? Ist es die Logik, nach der wir, wenn wir frei urteilen, unsere Gewissheiten bestätigen oder verwerfen?

Vermutlich nicht. Wir kennen viele Fälle, in denen wir von einem Sachverhalt und gleichzeitig von seinem Gegenteil überzeugt sind. Wir haben uns viele komplizierte Verfahren und Formulierungen ausgedacht, um diesen einfachen Umstand des menschlichen Denkens zu ignorieren. Im Laufe dieser Untersuchung werden wir einen neuen Blick auf die menschliche Logik gewinnen, die es uns erlaubt, ganz frei mit dem umzugehen, was wir im Moment noch als einen unerträglichen Widerspruch ansehen.

Nehmen wir ein recht einfaches Beispiel. Wir stehen in einem Geschäft und betrachten die Farbe eines Kleides. Es schimmert grün, und wir wollen auf keinen Fall ein grünes Kleid kaufen. Der Verkäufer versichert uns, dieses Kleid sei gar nicht grün, es wirke nur so im Licht des Ladens. Uns fällt aber an der Beleuchtung in diesem Geschäft nichts Besonderes auf. Der Verkäufer bittet uns, vor das Geschäft ans Tageslicht zu treten, Dort würden wir erkennen, dass das Kleid in Wirklichkeit nicht grün sei. Tatsächlich ergibt eine Überprüfung, dass das Kleid vor dem Laden nicht mehr grün aussieht. Das Kleid ist grün, und es ist doch nicht grün.

Wir haben einfache Verfahren, mit dieser Situation umzugehen. Wir haben entschieden, dass das Tageslicht die richtige Farbe des Kleids zeigt. Das Kleid ist also, sagen wir, in Wirklichkeit nicht grün. Wir kaufen das Kleid und werden abends von Freunden gefragt, seit wann wir denn doch grüne Kleidung tragen.

Es gibt schwierigere Beispiele: Wir können eine Situation herbeisehnen und befürchten. Wir können einen Menschen lieben und hassen. Wir können eine Handlung richtig und falsch finden.

Unser Ziel ist, eine Logik zu finden, in der das möglich ist. Was bedeutet hier der Begriff Logik?

Wir wollen Tatsachen von Sachverhalten unterscheiden. Das Wort Tatsachen wollen wir für Aussagen reservieren, die notwendig zutreffend sind. Auch wenn nämlich eine Gewissheit den größtmöglichen Grad des Überzeugtseins ausdrückt, gibt es einen noch höheren Grad der Sicherheit als die Gewissheit. Das sind Tatsachen, die notwendig als wahr akzeptiert werden müssen.

Gibt es solche Tatsachen? Wir würden etwa nicht sagen: Ich bin mir gewiss, dass die Summe aus 2 und 3 die Zahl 5 ergibt. Das ist einfach so, es ist, so sagen wir auch, ein Fakt. Aber wie ist es mit der Aussage, dass die Summe aus 2349856 und 327432 die Zahl 2677288 ist? Ich kann sagen: ich bin gewiss, dass es so ist, denn ich habe es soeben ausgerechnet. Nun können wir uns vorstellen, dass es einem Kind in der ersten Klasse mit der Gleichung 2+3=5 ebenso geht wie uns mit der Gleichung 2349856 + 327432 = 2677288. Es ist gewiss, dass es so ist, weil es gerade mühsam mit Fingern oder Rechenstäbchen ausgerechnet hat, was herauskommt, wenn man 2 und 3 zusammenzählt.

Mathematische Aussagen sind also, aus einer bestimmten Perspektive der Vernunft, ebenso Gewissheiten wie alle anderen Aussagen. Genau diese Perspektive werden wir im Folgenden als unseren Ausgangspunkt nehmen. Wir benötigen den Begriff der Tatsache, die jede Gewissheit übersteigt und eine Aussage auszeichnet, die notwendig wahr sein soll, dabei als einen methodischen Grenz- oder Gegenbegriff. Wir werden uns fragen, aus der Perspektive welcher Vernunft eine Aussage als Tatsache anzusehen ist, und ob diese als eine menschliche Vernunft angesehen werden kann. Uns wird dabei immer wieder helfen, die Sicht des Kindes einzunehmen, welches all das, was uns als notwendig zutreffend erscheint, erst lernen muss. Wie dieses Lernen erfolgt, wird uns erst im zweiten Teil dieser Abhandlung beschäftigen. Für den Moment genügt es, zu sehen, dass selbst einfache mathematische Aussagen für die menschliche Vernunft, etwa eines Kindes, keineswegs Tatsachen sein müssen, sondern etwa Gewissheiten sein können.

Gewissheiten drücken Überzeugungen aus, an denen uns ein Zweifel nicht möglich scheint.[1] Allerdings müssen wir unterscheiden, ob es sich um den Zweifel einer zweiten Person handelt, oder um den der Person, die die Überzeugung hat.

 

[1] Wittgenstein: Über Gewissheit.

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