Husserl und Heidegger (ein Vorwort)

Im Jahr 1946 notiert Martin Heidegger:  „Der phänomenologische Ruf ‚zu den Sachen selbst’, nämlich entgegen dem Erfinden von Theorien und Verrechnen von Ansichten, bleibt in der Geschichte des Denkens ein unverlierbares Verdienst. Doch dieser Ruf trägt nicht weit genug; er wird sogar leicht zur Gefahr, daß in der phänomenologischen Auslegung und Beschreibung das Denken ausbleibt.“[1] Heidegger kennzeichnet sein eigenes Denken hier in der Tradition der Phänomenologie seines Lehrers Edmund Husserl, glaubt aber gleichzeitig, weit über diese Position hinausgehen zu müssen und auch weit darüber hinaus zu gehen. „Husserl und Heidegger (ein Vorwort)“ weiterlesen

Das Technische

Schon im alltäglichen Sprechen machen wir die Erfahrung, die sich in der philosophischen Diskussion der letzten zweieinhalb Jahrtausende bestätigt: Technik ist ein zweideutiger Begriff. Er wird einerseits als Sammelbegriff für Gegenstände verwendet: die Technik, das sind Dinge, die wir benutzen können, um Ziele zu erreichen, die wir ohne technische Hilfe nicht oder nur mit großem Aufwand erreichen würden. Solche Technik macht das Leben leichter. Andererseits sagen wir auch Technik, wenn wir von einem bestimmten Handeln reden, wir sagen etwa, dass ein Fußballer oder ein Musiker eine gute Technik hat – damit meinen wir dann nicht den Ball, die Schuhe oder das Musikinstrument, sondern die Fähigkeiten des Menschen, die er eingeübt hat, um ein gewünschtes Ergebnis zu erreichen. Technik ist also zum einen eine Bezeichnung für Gegenstände, die wir benutzen, zum anderen für ein menschliches Tun. Müller (2014, 21) schreibt dazu: „Die Schwierigkeiten des Technikbegriffs liegen darin, dass er sowohl konkrete Maschinen und Technologien umfasst als auch eine bestimmte Kompetenz, eine Verfahrensrationalität“. Eine Seite später führt er Beispiele auf, die das ganze Spektrum verdeutlichen: „Hochtechnologie oder Bürokratie, aber auch Selbst- und künstlerische Techniken, wie etwa die Meditation und das Geigenspiel“ (22). „Das Technische“ weiterlesen

Abduktion

Abduktion ist ein Schließen von einer vorliegenden (überraschenden) Tatsache auf eine Hypothese. Die Idee ist, zu der gefundenen Tatsache eine Theorie (Hypothese) zu finden, deren Geltung die gefundene Tatsache zu einer Selbstverständlichkeit machen würde.

Zur Illustration wurde schon von Peirce folgendes Beispiel herangezogen: in einem Speicher werden weiße Bohnen gefunden. Bekannt ist, dass sich in einem Sack auf diesem Speicher weiße Bohnen befinden. Der abduktive Schluss liefert die Hypothese „diese Bohnen stammen aus jenem Sack mit weißen Bohnen“. „Abduktion“ weiterlesen

Das Judentum, das Jüdische und die Juden. Nachdenken über Begriffe

Der nächste Band der „Schwarzen Hefte“ von Martin Heidegger erscheint demnächst, und die Diskussion um diese, zwischen 1942 und 1948 niedergeschriebenen Überlegungen ist bereits im vollen Gange. Ich kenne natürlich die Texte noch nicht, und es liegt mir fern, Heidegger zu verteidigen. Mir scheint jedoch, dass die empörte öffentliche Debatte es sich erneut zu einfach macht, und damit eine wirkliche Kritik der Denkens Heideggers verfehlt oder sogar unmöglich macht. Deshalb will ich hier ein paar grundsätzliche Gedanken notieren.

Heidegger spricht oft vom Jüdischen, auch vom Judentum, hin und wieder von den Juden. Nehmen wir zwei Sätze aus den Schwarzen Heften, über die die Empörung besonders groß ist. „Das Judentum, das Jüdische und die Juden. Nachdenken über Begriffe“ weiterlesen

Die Verantwortung der Gemeinschaft

In den letzten Monaten wurde häufig die Frage gestellt, ob eine Religionsgemeinschaft, etwa der Islam oder das Christentum, irgendwie als Ganzes verantwortlich oder gar schuldig ist für Verbrechen, die in ihrem Namen oder durch ihre Vertreter verübt worden sind. In so einer Frage verbergen sich mehrere philosophischen Fragen. Diese Fragen werden selten auch nur gestellt, und wenn, dann durch philosophische Spezialisten in akademischen Debatten. Aber es ist sicher sinnvoll, wenigstens die Fragen zu kennen, und einzusehen, dass unterschiedliche Antworten möglich sind. Vielleicht können wir dann wenigstens verstehen, warum wir in den wichtigen Diskussionen, die uns bewegen, nie an ein Ende kommen, geschweige denn, zu einer gemeinsamen Sicht.

Die folgenden Überlegungen werden die Fragen nicht beantworten. Es muss ausreichen, sie zu benennen, und verschiedenen Antwortmöglichkeiten nachzugehen. „Die Verantwortung der Gemeinschaft“ weiterlesen

Kirche, Religion und Glaube

Wir könnten schon mit der Frage beginnen, was eine Religionsgemeinschaft überhaupt ist, wie wir sie abgrenzen können, woran wir erkennen, ob ein Mensch dazu gehört, oder nicht. Gehört jemand, der nie zur Kirche geht, aber doch irgendwie daran glaubt, dass Jesus Gottes Sohn war, zum Christentum? Oder jemand, der zwar Kirchensteuer zahlt, vielleicht sogar bei besonderen Anlässen eine Messe besucht, aber auf die Frage nach Gott nur milde lächelt, so, als wenn man ihm von Harry Potter erzählt? „Kirche, Religion und Glaube“ weiterlesen

Die Lebenswelt der vernetzten Vernunft und die Lebensform der Vernetzung

Nicht immer, wenn Menschen ihre Leben miteinander verbinden, vernetzen sie sich auch. Das soziale Geflecht kann ein Filz oder ein Gewebe sein, es muss kein Netz und schon gar kein Netzwerk sein. Wenn Hannah Arendt in Vita Activa schreibt, dass „Handeln darin besteht, den eigenen Faden in ein Gewebe zu schlagen, das man nicht selbst gemacht hat“, dann entsteht dabei kein Netzwerk sondern eher ein Geflecht. Es ist notwendig, die verschiedenen Lebensformen, in denen Menschen sich miteinander verbinden oder aneinander binden, zu differenzieren. Während sich im Geflecht und im Gewebe lange Fäden mehrfach miteinander verknüpfen und verschlingen, besteht das Netzwerk aus einzelnen Dingen, die Beziehungen zu anderen Einzeldingen aufbauen. Wer den eigenen Faden ins Gewebe schlägt, vernetzt sich nicht, weil er sich unauflöslich mit dem Gewebe verbindet, während im Netzwerk das Lösen der Verbindung immer eine realistische Möglichkeit ist. „Die Lebenswelt der vernetzten Vernunft und die Lebensform der Vernetzung“ weiterlesen

Der Wille schwimmt im Datenmeer

Das Anhäufen von Unmengen unserer persönlichen Daten über unser Tun und Lassen irgendwo auf Servern von Behörden und Unternehmen macht uns Sorgen. Wir haben Angst, durchschaubar, klassifizierbar und manipulierbar zu werden. Manipulierbarkeit heißt, dass wir irgendwann nicht mehr nach unserem eigenen Willen handeln. Statt dessen Folgen wir vielleicht schon bald nur noch willenlos dem Willen fremder Mächte. Zudem könnte es sein, dass diese Mächte, gestützt auf jene ungeheuren Datenmengen, die Deutungshoheit über unseren Willen erlangen. Dann wären wir selbst nicht mehr diejenigen, die wüssten, was wir wollen. Die Datensammler und -analysierer könnten mit Sicherheit sagen, was unser Wille ist, sei es, um ihm zu gehorchen, sei es, um zu verhindern, dass wir unsrem, vielleicht bösen Willen folgen können. „Der Wille schwimmt im Datenmeer“ weiterlesen

Braucht die vernetzte Vernunft noch den Menschen?

Im ersten Teil dieser kleinen Artikelserie war es um den Willen gegangen. Warum dieser für das Verstehen der vernetzten Vernunft, wie wir sie heute antreffen, wichtig ist, war im dritten Teil sichtbar geworden: Ohne Willen ist es überhaupt nicht sinnvoll, von Vernunft zu sprechen, Vernunft ist das Werkzeug, mit dem der Wille einen Weg zu seiner Erfüllung sucht, gerade dann, wenn dieser Weg nicht offensichtlich und trivial erkennbar ist. Im zweiten Teil der Serie ging es darum wie sich die Vernunft des Einzelnen aus dem Kopf in die Außenwelt vernetzt und diese in den Geist einbezieht. So entsteht die vernetzte Vernunft. In der modernen Welt verselbständigt sich diese Vernunft, angetrieben von der logisch-rationalen Weise des Vernünftigseins, das durch den Siegeszug der Naturwissenschaften und der Technologien zur Vorherrschaft gelangt. Netzwerke von Menschen, also Communities, Parteien, Organisationen und Unternehmen, werden selbst zu vernünftigen Gebilden, die ihren eigenen Willen ausprägen und einer eigene Vernunft entwickeln und Wege zum Erreichen ihrer Ziele finden. „Braucht die vernetzte Vernunft noch den Menschen?“ weiterlesen

Die Vernunft der Community

Die menschliche Vernunft ist nicht nur im Kopf, der Geist erweitert sich mit Denkhilfen, die der Mensch sich außerhalb seines Gehirns schafft. Im zweiten Teil dieser Serie ging es um diese Erweiterungen, von Notizen fürs Gedächtnis bis hin zu Services, die uns Entscheidungen und vielleicht sogar das Denken abnehmen. Dabei stand aber der einzelne Geist, also der einzelne Mensch mit seinen persönlichen Gedanken, Wünschen und Zielen, immer im Zentrum. Von ihm aus erweiterte sich der jeweils eigene Geist in die Welt. Wie ein Spinnennetz bindet er seinen Geist an die Welt an. Im Zentrum des Netzes sitzt der Einzelne mit seinem Geist, seinem Denken und Entscheiden. Aber zumeist trifft das Netz, das der einzelne baut, nicht auf bloße Natur, er trifft dort sozusagen auf den erweiterten Geist der anderen, auf ihre Denk- und Entscheidungshilfen, die dann jeder einzelne wiederum in seiner eigenen erweiterten Geist einbeziehen kann. So entsteht die vernetzte Vernunft: Ich erweitere meinen eigenen Geist mit Notizen, Merkzetteln, Erinnerungsstützen, und ich finde die Erinnerungsstützen der anderen in der Welt vor. Statt der eigenen Geisteswerkzeuge nutze ich die der anderen, und bald gibt es Werkzeuge, die nur dafür gemacht sind, von anderen genutzt zu werden: Telefonbücher, Lexika, Wikipedia, Suchmaschinen. Mein Geist schafft sich nicht mehr selbst seine Hilfsmittel, er passt sich den vorgefundenen Hilfsmitteln an, die andere hergestellt haben. „Die Vernunft der Community“ weiterlesen