Kirche, Religion und Glaube

Wir könnten schon mit der Frage beginnen, was eine Religionsgemeinschaft überhaupt ist, wie wir sie abgrenzen können, woran wir erkennen, ob ein Mensch dazu gehört, oder nicht. Gehört jemand, der nie zur Kirche geht, aber doch irgendwie daran glaubt, dass Jesus Gottes Sohn war, zum Christentum? Oder jemand, der zwar Kirchensteuer zahlt, vielleicht sogar bei besonderen Anlässen eine Messe besucht, aber auf die Frage nach Gott nur milde lächelt, so, als wenn man ihm von Harry Potter erzählt?

Unterscheidungen

Und überhaupt: Ist das Christentum irgendwie mit den christlichen Kirchen identisch? Bilden alle christlichen Konfessionen zusammen das Christentum? Oder bezeichnet dieser Begriff etwas ganz anderes als etwa das Wort „Christliche Kirche“?

Wenn man solche Fragen stellt, merkt man schnell, dass die Wirklichkeit unglaublich vielfältig ist, und dass wir mit unseren Begriffen diese Vielfalt in ziemlich willkürliche Portionen zerlegen. Ein Weg, damit umzugehen, kann die Differenzierung in verschiedene Begriffe sein, die wir im Alltag mehr oder weniger synonym verwenden, die aber feine Bedeutungsunterschiede haben. Diese Bedeutungsspektren können wir dann ausschreiten, und für verschiedene Aspekte der Wirklichkeit unterschiedliche Begriffe verwenden. Bei den Religionsgemeinschaften könnten wir etwa zwischen dem Glauben, der Religion und der Kirche unterscheiden. Der Begriff „Glaube“ erfasst dann die Überzeugungen, die ein Mensch über Ereignisse, Personen und Zusammenhänge hat, die sich darauf stützen, dass sie von einer glaubwürdigen Autorität gelehrt werden, ohne dass man selbst sie aber überprüfen könnte. Mit denen, die solchen Glauben teilen, bildet man eine Glaubensgemeinschaft.

Es ist klar, dass die meisten Überzeugungen, die wir haben, in dem Sinne Glauben sind, und selbst das wissenschaftliche Wissen eines Physikers besteht zum großen Teil aus Glauben. Vielleicht können wir deshalb mit einem solchen Begriff von Glauben noch nicht zufrieden sein, wir würden schon gern die wissenschaftlichen Überzeugungen eines Physik-Studenten vom Gottesglauben eines Konfirmanden abgrenzen wollen. Wir wollen an dieser Stelle nicht weiter suchen. Wer sich auf die Suche nach einem solchen Unterschied macht, sollte aber vorsichtig sein: Es besteht immer die Gefahr, dass man sich die Antworten zurechtbastelt, die man sich schon vorher überlegt hat. Zum Philosophieren gehört aber auch das Erschrecken über die Konsequenzen der Antworten die man findet, und diesen Schreck sollte man beim Philosophieren so lange wie möglich aushalten. Vielleicht zeigt sich ja in dem Schreck tatsächlich eine neue, tiefere Einsicht.

Zurück zum Christentum, oder auch zum Islam. Was in diesen Fällen der Glaube ist, ist ziemlich einfach. Christen glauben, dass Jesus der Sohn Gottes ist, dass er von Maria geboren wurde, vom Heiligen Geist gezeugt, dass er gestorben ist wegen unserer Sünden, dass er auferstanden ist. Muslime glauben, dass Mohammed Allahs Prophet ist.

Mit dem Begriff Religion könnten wir diejenigen Riten und Traditionen bezeichnen, die um den Glauben herum entstanden sind, und die von Menschen ausgeübt werden, weil sie etwas glauben. Beten gehört zur Religion, aber auch die Feier der Geburt Christi an Weihnachten. Der Ramadan gehört ebenfalls dazu. Die meisten religiösen Praktiken sind kollektive Angelegenheiten, man übt sie in der Religionsgemeinschaft aus.

Gemeinschaftliche Praxis muss organisiert werden, man muss sich verabreden, wann und wo man sich zum Ritus trifft, man muss ihn einüben und vorbereiten. Auch die Weitergabe der Praktiken und die Entscheidung, wie genau der Ritus auszuführen ist, müssen organisiert werden. Wenn diese Organisationsprozesse institutionell strukturiert werden, können wir die entstehenden Institutionen als Kirche bezeichnen.

Die Vielfalt der Welt in Begriffe fassen

Damit haben wir drei Begriffe: Kirche, Religion, Glaube. Mit ihnen können wir versuchen, einen Bezirk in der Welt zu beschreiben. Vielleicht reichen sie nicht aus, vielleicht müssen sie weiter geschärft werden. Aber wir haben schon mal ein paar Werkzeuge, um der Vielfalt der Welt ein bisschen besser gerecht zu werden als mit vagen Begriffen, die irgendwie alle das gleiche bedeuten. Wir können den Standard-Fall beschreiben, bei dem Kirche, Religion und Glaube sozusagen natürlich und selbstverständlich ineinandergreifen. Wir können aber auch eine Kirche ohne Glaube beschreiben, oder einen Glauben ohne Religion und ohne Kirche. Alle Varianten sind möglich, und in der vielfältigen Welt finden  wir auch alle diese Möglichkeiten.

Wir können etwa sagen, dass Christentum und Islam Glaubensgemeinschaften sind und auch die unstrittigen Elemente des jeweiligen Glaubens können wir benennen. Dann können wir darüber streiten, ob schon in dem jeweiligen Glauben Ursachen für Probleme in der heutigen Welt liegen.

Wir können die jeweiligen religiösen Praktiken benennen und differenzieren. Dann sehen wir, dass sowohl Christentum als auch Islam jeweils aus Teilreligionen bestehen. Wir können darüber streiten, welche Traditionen und Riten sich tatsächlich aus dem Glauben ergeben, und warum es bei anderen schwierig ist, diese Beziehung herzustellen. Wiederum können wir versuchen, herauszufinden, ob es in diesem engeren Sinne religiöse Gründe für Konflikte gibt. Dabei muss man jedoch aufpassen: Konflikte treten ja zunächst nicht innerhalb einer Religionsgemeinschaft auf, sondern ein Konflikt entsteht, wenn diese Praktiken mit anderen, außerhalb der Gemeinschaft, im Widerspruch stehen. Die Gründe liegen dann sozusagen immer im „Dazwischen“.

Schließlich können wir untersuchen, in wie fern Islam und Christentum eine oder mehrere Kirchen bilden. Beim Christentum ist die Sache schnell klar: Es gibt die katholische Kirche, die ist sozusagen der paradigmatische Prototyp einer Kirche. Auch andere christliche Organisationsformen können wir als Kirche bezeichnen.

Der häufig wiederholte Satz, dass eben „den Islam“ gar nicht gäbe, könnten wir nun vielleicht etwas genauer formulieren: die Glaubensgemeinschaft des Islam gibt es sehr wohl, und es gibt auch einige klar erkennbare muslimische Religionsgemeinschaften. Aber, so könnten wir versuchsweise behaupten, es gibt keine Kirche des Islam.

Allerdings ist Vorsicht geboten. Natürlich gibt es bestimmte erkennbare institutionelle Organisationsformen der muslimischen Religionsausübung. Es ist ja sehr wohl institutionell geklärt, wann man sich zur Religionsausübung trifft, es gibt Häuser, die extra dafür gebaut sind, es gibt bestimmte Rollen, die auszufüllen sind und nicht jeder darf eine jede dieser Rollen spielen.

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