Einleitung zur vernetzten Vernunft

Wir beherrschen die Welt, aber wir verstehen sie nicht. Auf der einen Seite meinen wir, dass wir die Wirklichkeit immer besser im Griff haben. Technik macht die Wildnis beherrschbar und dehnt unseren Spielraum immer weiter aus. Auf der anderen Seite wird uns die Welt immer unverständlicher, die Frage, welche unserer Überzeugungen wahr sind, ist kaum mehr zuverlässig zu beantworten. Technische Weltbeherrschung und zuverlässiges Weltverstehen scheinen nicht zusammenzugehören.

Unsere gegenwärtige Welt ist von diesem Widerspruch geprägt, dass wir die technische Welt zwar vorhersehend beherrschen, aber nicht denkend verstehen. Aber ist dann Weltbeherrschung nicht nur eine Illusion? Treffen unsere Begriffe noch die Wirklichkeit? Kann es gelingen, Zusammenhänge so zu beschreiben, dann uns die Welt, in der wir leben und die wir beherrschen, verständlich wird? Können wir hoffen, in einem philosophischen System einen Halt zu finden, der uns die Grenzen unseres Wissens erträglich macht und uns ein sicheres Handeln auf unsicherem Grund ermöglicht?

Dieses Werk, das auf drei Teile angelegt ist, versucht, auf all diese Fragen neue, positive Antworten zu finden. Dazu wird es systematisch vorgehen, aber das System, dem es folgt, wird es erst entwickeln. Lieb gewonnene Selbstverständlichkeiten wird es nicht nur fragwürdig machen, sondern auf den Kopf stellen – oder genauer, das, was schon so lange auf dem Kopf stand, dass es selbstverständlich geworden ist, wird es auf die Füße stellen.

Wir glauben allenthalben, dass das Wissen über die Welt, am besten wohl geordnet in wissenschaftlichen Theorien und gelehrt in Schulen und Universitäten, die Basis für alles Weltverstehen, für unseren erfolgreichen Umgang mit der Welt und für zweckdienliches, zielgerichtetes Handeln sei. Diese Überzeugung ist so tief in unserer Kultur verwurzelt, dass uns die vielen Misserfolge und die zunehmende Verunsicherung durch die wachsende Unübersichtlichkeit unserer realen Erfahrungen zwar verzweifeln und pessimistisch hinsichtlich der Zukunft werden lassen. Unsere Hoffnung aber, dass der Ausweg aus der Verzweiflung in einer gelungenen, richtigen Anwendung von zutreffenden theoretischen Erkenntnissen über die Welt liegen möge, wollen wir nicht fahren lassen.

Das einzige Ziel dieses dreiteiligen Gesamtwerks ist es, zu lernen, den Blick umzukehren. Wir wollen uns aus dem theoriegeleiteten Blick auf die Welt lösen, der uns vorgeblich den Erwerb von Fähigkeiten ermöglicht, die uns letztlich mehr oder weniger erfolgreich handeln lassen. Statt dessen werden wir sehen, dass es unser intuitives Handeln ist, dass uns Fähigkeiten erwerben lässt, die uns letztlich ein Wissen ermöglicht, das dann aber eigentlich nicht mehr theoretisch genannt werden kann. Wir verstehen die Welt dann nicht mehr in dem Sinne, dass wir sie in theoretische Gebilde einsortieren können, die uns Prognosen und Richtlinien für erfolgreiches Eingreifen in die Welt erlauben – sondern umgekehrt, wir verstehen uns auf den Umgang mit Welt, wir verstehen unseren erfolgreichen Eingriff dann ebenso wie unsere Irrtümer und unser Scheitern.

Vorbemerkungen zur Gesamtkonzeption der Arbeit

Seit dem vor drei Jahren die Kritik der vernetzten Vernunft erschienen ist, hat das Konzept der vernetzten Vernunft weiter an Klarheit gewonnen. In Vorträgen und Einzeltexten zum Konzept der vernetzten Vernunft habe ich Präzisierungen vornehmen können. Viele Diskussionen haben dazu beigetragen, die Struktur des vernetzten Denkens und Handelns besser zu verstehen.

Genau genommen hätte das Buch, das 2012 veröffentlicht wurde, nicht „Kritik der vernetzten Vernunft“ heißen dürfen, denn eine solche Kritik muss erst noch geleistet werden. Diese eigentliche und umfassende Kritik ist das Ziel des Werkes, welches ich mit diesen Zeilen beginne.

Um Missverständnissen von Beginn an vorzubeugen sei bereits an dieser Stelle betont, dass der Begriff der vernetzten Vernunft nicht ein Denken bezeichnet, welches sich auf ein bestimmtes technisches Netzwerk, namentlich das Internet, stützt oder dieses Netzwerkes bedürfte. Es handelt sich bei der vernetzten Vernunft auch nicht um das, was landläufig als das „digitale Denken“ bezeichnet wird. Der Zusammenhang zwischen der vernetzten Vernunft und den technischen Netzwerken mit ihren elektronischen Endgeräten und digitalen Datenströmen ist nicht der einer Abhängigkeit der ersten von den letzteren. Eher ist es umgekehrt: die vernetzte Vernunft hat sich zuletzt eine technische Infrastruktur geschaffen, die ihren Wünschen und Forderungen, ihren Prinzipien und Wirkungsweisen entspricht.

Mit dem Begriff der vernetzten Vernunft werden wir die Rationalität der Gegenwart beschreiben, die sowohl im Weltverstehen als auch im Weltverändern wirksam ist. Erst ganz allmählich wird dieser Begriff im Verlaufe der Untersuchung seine Rechtfertigung finden. Diese Rechtfertigung wird auch eine Bestimmung der Begriffe Vernetzung und Vernunft umfassen. Für den Moment mögen vage Vorstellungen genügen: Vernetzung wollen wir uns als einen Prozess des Herstellens von Verbindungen zwischen Dingen vorstellen, die durch das entstehende Netz an ihrem Platz gehalten werden und ihren Sinn erhalten. Die Vernunft, die uns interessiert, ist die, die in solchen Netzwerken, und im Herstellen dieser Verbindungen ihre Gründe sucht. Vernunft ist, nach Gründen für etwas zu fragen und Gründe angeben zu können – vernetzte Vernunft sucht Gründe, indem sie Netzwerke von Gründen sucht und erzeugt.

Dies ist, wie gesagt, nur eine sehr vage und sehr vorläufige Bestimmung der vernetzten Vernunft. Das ganze Werk, welches hier beginnt, soll der Präzisierung des Begriffs dienen und gleichzeitig, das ist die Hoffnung, die sich mit dem Schreiben verbindet, seine Erklärungskraft unter Beweis stellen. Es soll sich, nach meinem gegenwärtigen Plan, in drei Teile gliedern. Im ersten Teil geht es um Gewissheiten, im zweiten um Fertigkeiten, im dritten um Wirksamkeiten.

Man könnte vermuten, die drei Teile bauen aufeinander auf, weil einer allgemeinen Überzeugung nach unsere Gewissheiten – oder unser Wissen – uns zu Fertigkeiten – zu Können – verhilft und diese Fertigkeiten uns wiederum erlauben, in der Welt wirksam zu sein – zu handeln. Der Dreiklang von Wissen, Können und Handeln, in dem das Wissen der bestimmende Grundton ist, das Können sozusagen als Terzton die Harmonie ergänzt die vom Handeln als Quinte vervollständigt wird, bestimmt unsere Vorstellung vom richtigen Umgang mit der Welt. Um Handeln zu können, so meint man, muss man etwas können, und bevor man etwas kann, braucht man das nötige Wissen. Also müssen wir erst verstehen, wie wir etwas wissen können und was Wissen ist, bevor wir das Können und schließlich das Handeln verstehen.

Die drei Teile dieser Arbeit bauen aber nicht aufeinander auf, vielmehr werden wir uns in drei Schritten von der Oberfläche zu den Fundamenten unseres Umgangs mit der Welt hinabbegeben. Wenn das Vorhaben gelingt, werden wir am Ende sehen, dass die Grundlage des menschlichen Lebens in der Welt nicht das Wissen ist, sondern das Wirken, aus dem ein Können und schließlich ein Wissen entsteht – wobei diese drei Begriffe im Verlauf der Untersuchung ihre Bedeutung wandeln werden.

Der erste Teil trägt den Titel „Die Gewissheiten der vernetzten Vernunft“. Er wird beschreiben, was die vernetzte Vernunft zu wissen meint. Wie kommt es zu „wahrer, gerechtfertigter Überzeugung“? Wie sehen Wissensnetze aus und wie verändern sie sich? Welche Knoten und Verbindungen sehen wir im Netzwerk unserer Überzeugungen als Gewissheiten an, welche als Meinungen und welche als Glauben? Und wie sind wir in der Lage, wahr von falsch zu unterscheiden? Das sind die Fragen, die in diesem Teil beantwortet werden sollen.

Dazu gehört selbstverständlich auch die Frage, wie die Diskurse beschaffen sind, die jene Gewissheiten hervorbringen, die als wahre Überzeugungen akzeptiert werden. Hier wird sich allerdings zeigen, dass wir unterscheiden müssen: Sind die Diskurse tatsächlich so beschaffen, oder erscheinen sie lediglich so? Sind wir, als Glieder der vernetzten Vernunft, vielleicht selbst so sehr im Netz des Vernünftigen gefangen, dass wir ein bestimmtes Diskurs-Netz für vernünftig und gleichzeitig bestimmend halten, welche sich in einer Außenbetrachtung als haltlos und unhaltbar erweist?

Diese Fragen verweisen auf die ganze Schwierigkeit des Weges, der vor mir und meinen Lesern liegt. Wir machen uns von einem gewissen unbestimmten Standpunkt aus auf einen Weg, auf dem Klarheit überhaupt erst gewonnen werden soll. Wir wissen noch nicht einmal genau, wo wir selbst gerade stehen, wir sind uns unserer eigenen Überzeugungen gerade selbst nicht gewiss. Wir sind ja ein Teil jenes Gebildes, das wir als vernetzte Vernunft bezeichnen.

Und selbst dieses einfachen Satzes können wir uns nicht so gewiss sein, dass wir ihn als Standortbestimmung nutzen können. Nicht nur deshalb, weil wir ja noch nicht hinreichend bestimmt haben, was die vernetzte Vernunft eigentlich sei, sondern auch deshalb, weil wir noch nicht wissen, ob es diese vernetzen Vernunft in einem Sinne gibt, in dem wir sagen können, das wir selbst, als lebende, vernünftige Wesen, ein Teil von ihr seien.

Wir wollen uns in diesem Werk auf einen Weg machen, der von einem unbekannten, unbestimmten Ort aus zu einer gewissen Klarheit führt. Das Personalpronomen „Wir“ ist dabei ganz ernst gemeint. Zwar ist es der Autor, der einen Text verfasst und damit die Richtung des Gedankengangs bestimmt. Aber mein Anliegen ist es, dass meine Leser dem Weg dieser Gedanken als Weg zur Klarheit und nicht als Weg durch eine schon zuvor geklärte Landschaft folgen. Es wird ihnen hier kein Gedankengebäude präsentiert, welches dem Autor selbst bereits heute schon klar vor Augen steht. Vielmehr ist der Text, der hier begonnen wird, die Dokumentation des Bauvorschritts dieses Gebäudes von dem momentan allenfalls eine vage Idee, aber noch keine exakte Ausführungsplanung, keine statischen Berechnungen und kein genaues Bild von Ansichten existieren.

Das Wort Wir ist auch deshalb angemessen, weil ich hoffe, dass die Richtung des Gedankengangs nicht nur durch meine eigenen Überlegungen und Schlussfolgerungen, sondern auch durch Diskussionen mit nahen und entfernten Partnern bestimmt werden wird. Entwürfe von zentralen Teilen werde ich online und in persönlichen Gesprächen zur Diskussion stellen und ich hoffe, dass diese Diskussionen der Klarheit der Argumentation helfen.

Um ein solches Wir zu ermöglichen, muss der Autor eines Werks allerdings wenigsten attraktive, wenn auch vage, Vorstellung von Ziel des Unternehmens schon zu Beginn skizzieren können. Sowohl der Weg, der eingeschlagen wird, als auch der Ort, zu dem er führen soll, muss eine gewisse Attraktivität haben. Der Autor muss das Versprechen abgeben, dass der unbekannte, aber vermutlich mühsame Weg zu einem lohnenden Ziel führt.

Unser Ziel ist, die Gegenwart besser zu verstehen, als es uns jetzt gelingt. Am Ende des Weges, der jetzt begonnen wird, werden wir eine Ordnung in den Ereignissen und Prozessen der Gegenwart erkennen, die uns vieles verständlich macht und trotzdem der Komplexität und Vielfalt des Geschehens gerecht wird. Wir werden das, was uns tagtäglich im eigenen Erleben oder durch mediale Vermittlung begegnet, nicht auf wenige Kategorien und einfache Grundsätze oder Gesetze reduzieren – aber wir werden es trotzdem besser verstehen, sogar ein wenig durchschauen. Wir werden Orientierung gewinnen und dadurch zu einer gewissen Ruhe und Sicherheit im eigenen Handeln gelangen.

Gegenwart ist das Hier und Jetzt, aber das heißt nicht, dass es sich dabei um einen winzig kleinen Ort um das Ich herum und einen flüchtigen, nicht zu haltenden Zeitpunkt handelt. Gegenwart ist das, was uns gegenwärtig ist, und das umfasst sicherlich mehr als den Zeitraum, der zwischen zwei Nachrichtenausgaben, zwei Softwareversionen oder zwei Computergenerationen liegt. Die Das Jetzt ist der Zeitraum, in dem sich unsere Welt nicht so grundsätzlich verändert hat, dass wir uns, wären wir plötzlich an einen anderen Zeitpunkt innerhalb dieser Gegenwart versetzt, gar nicht mehr zurechtfinden würden. Ebenso verhält es sich mit dem Hier: Dazu gehören alle Gegenden unserer Welt, in denen wir ohne große Schwierigkeiten gleichermaßen zurechtkommen.

Auch wenn wir diese Gegenwart zu kennen meinen, auch wenn wir sie als einigermaßen stabil auch morgen und auch an einem anderen Ort noch wiedererkennen können, heißt das nicht, dass sie uns verständlich ist. Im Gegenteil, gerade das Unverständliche können wir als Grundzug des Gegenwärtigen ansehen, während uns die vergangenen, nicht mehr gegenwärtigen Zeiten, oder die entfernten, fremden Orte verständlich und verstanden erscheinen.

Wenn aber gerade das gegenwärtige unverstanden ist, das Fremde und Ferne aber verständlich erscheint, ist es sinnvoll, über das Verstehen überhaupt neu nachzudenken. Dazu ist es notwendig, dass wir von der Oberfläche unserer heutigen Überzeugungen, die uns immer wieder vor unüberwindliche Schwierigkeiten stellen, wenn wir auf ihrer Grundlage die einfachsten Erlebnisse des Alltags verstehen wollen, Schritt für Schritt hinab in die Fundamente bis hin zu jenen tieferen, stabilen Schichten graben, auf denen unsere Sicherheiten ruhen und die wir durch unser Wirken jeden Tag deformieren und gefährden.

Dies wird, wie gesagt in drei Schritten geschehen. Von den Gewissheiten kommen wir zum Können und von dort zum Handeln der vernetzten Vernunft. Der Dreischritt geht von dem allgemein intuitiv als zutreffend akzeptierten Gedanken aus, dass wir durch das theoretische Lernen zuerst zu Gewissheiten kommen, auf deren Basis wir sodann unsere Fertigkeiten, unser Können ausbilden, um schließlich das theoretisch und praktisch Gelernte in aktives, die Wirklichkeit veränderndes Handeln umzusetzen. Deshalb lauten die Titel der drei Teile, welche als Einzelwerke geplant sind „Die Gewissheiten der vernetzten Vernunft“, „Die Fertigkeiten der vernetzten Vernunft“ und „Die Wirksamkeiten der vernetzten Vernunft“.

Zugleich gilt es jedoch, den eben als intuitiv zutreffenden Gedanken charakterisierten Grundsatz selbst fragwürdig zu machen. Üben wir tatsächlich das zuvor theoretisch verstandene und als richtig erkannte ein, um die so erworbenen Fähigkeiten schließlich in weltveränderndes Handeln umzusetzen? Oder ist es nicht vielmehr umgekehrt: Handeln wir nicht zumeist irgendwie drauflos, um Können zu erwerben und Fertigkeiten auszubilden die wir erst am Ende theoretisch verstehen?

Der Dreischritt dieses Werkes soll zeigen, dass zumeist letzteres der Fall ist, viel häufiger als wir es uns in der modernen Rationalitätsvorstellung eingestehen wollen, und dass das auch kein Defizit, eine Unvollkommenheit ist, sondern eine wesentliche Grundlage unseres Menschseins. Wir haben jedoch in den letzten Jahrhunderten nicht nur eine Menge Kraft in die Verteidigung des Primats der theoretischen Vernunft gesteckt, wir haben auch Strategien erarbeitet und eingeübt, um mit den offensichtlichen „Abweichungen“ und „Verletzungen“ dieses Primats umzugehen. Das ist einer der Gründe, warum wir uns vom Wissen über das Können zum Handeln bewegen und nicht umgekehrt sogleich darstellen, warum dem Handeln, das ein Können ermöglicht und schließlich ein Wissen rechtfertigt, das Primat zuzuweisen ist.

Ein anderer Grund ist, dass ich als Autor dieses Werks mich selbst erst Schritt für Schritt durch permanente Selbst-Kritik aus den selbstverständlichen Vorurteilen zu befreien habe. Zwar existiert bereits eine gewisse Klarheit vom Weg der Argumentation und vom angestrebten Ziel, aber bei der Ausarbeitung der notwendigen Details werden eine Reihe von Unklarheiten und Widersprüchen auftauchen, die bewertet und beseitigt werden müssen. Mancher wird sagen, dass es Aufgabe des Autors ist, diese Arbeit zu leisten und am Ende das Ergebnis zu präsentieren. Warum sollen die Leser jeden Schritt der Erkenntnisgewinnung mit nachvollziehen? Warum sollte man vom Autor nicht verlangen können, dass er die Arbeit erst einmal zu Ende bringt und sodann das vollständige Werk in der richtigen Reihenfolge präsentiert? Denn es scheint ja jetzt schon klar zu sein, dass der Teil, der hier als letzter Schritt für eine ungewisse Zukunft versprochen ist, eigentlich an den Anfang gehören wird.

Dem ist entgegenzuhalten, dass wir uns vermutlich am Ende des Weges an einem Ort wiederfinden werden, der vom heutigen Standpunkt aus so fremd erscheinen muss, dass wir die Nachrichten, die uns von dort erreichen würden, als unakzeptabel und absurd ablehnen würden. So bleibt uns gar nichts anderes übrig, als gemeinsam den ganzen Weg zu gehen. Indem wir gemeinsam von der Oberfläche zum Grund hinabsteigen, wird mit jedem Schritt klarer, wie das Sichtbare auf dem Tieferen, zuerst verborgenen gründet. Den Weg zurück, wieder hinauf an die Oberfläche, wird dann jeder von uns selbst und eigenständig wiederfinden.

Zum Status der Begriffe und zum Anspruch der Ergebnisse auf Wahrheit

Wenn wir hier bereits Begriffe wie „Vernunft“ und „Netzwerk“ oder auch „Gegenwart“ verwenden, stellt sich die Frage, welchen Status diese Begriffe haben. Bezeichnen sie etwas real Vorhandenes und haben sie den Anspruch, dieses real vorhandene „richtig“ zu erfassen? Sind sie gar normativ zu verstehen in dem Sinne, dass etwa eine anzustrebende, ideale Vernunft so und so beschaffen sein müsste, um als Vernunft gelten zu können?

Im weiteren Verlauf der Untersuchung wird eine ganze Vielzahl von Begriffen auftauchen und eine große Bedeutung gewinnen. Deshalb ist es sinnvoll, schon jetzt etwas über den Status dieser Begriffe zu sagen und die Frage zu beantworten, welchen Anspruch auf Wahrheit diese Begriffe und damit die ganze Untersuchung, die ganze Philosophie der vernetzten Vernunft, die hier entwickelt wird, überhaupt hat.

Bleiben wir beim Begriff der Vernunft. Wir sagen: Vernunft ist die Fähigkeit, zu begründen. Später werden wir uns fragen, ob dieser Satz so schon ausreicht um zu verstehen, was vernünftig ist, für den Moment wollen wir den Satz so nehmen, wie wir ihn intuitiv verstehen. Diesen Satz können wir auf philosophische Klassiker stützen, wir können die Herkunft des Wortes oder das seiner lateinischen oder griechischen Übersetzung befragen. Das könnte zu einer gewissen Rechtfertigung dieser Verwendungsweise führen, wir würden uns sozusagen auf eine lange Tradition stützen, in der Vernunft als eine Fähigkeit, oder auch als das Bedürfnis nach Begründung angesehen wird. Aber so lang eine Tradition auch ist, sie könnte, insbesondere für die Gegenwart, in die Irre führen.

Zudem könnte der Eindruck entstehen, wir würden mit dem Satz, dass Vernunft die Fähigkeit zum Begründen ist, eine Forderung stellen: Wer als vernünftig gelten will, soll gefälligst begründen was er sagt oder tut. Da wir den Begriff Vernunft zumeist als eine positive, anzustrebende Eigenschaft des Menschen betrachten, könnte die Forderung gleichzeitig lauten: Gib gefälligst Gründe an für dein Denken und Handeln, für deine Überzeugungen und Wünsche, damit wir dich als vernünftig akzeptieren können.

Wir wollen uns im Folgenden weder auf Traditionen stützen noch Begriffe normativ einführen und nutzen. Keinesfalls sollen die Begriffe, die wir verwenden, eine ideale, anzustrebende Welt beschreiben, die in irgendeiner Weise als gut und verständlich anzusehen wäre und deshalb anstrebenswert ist – und vielleicht in gewissen schönen Momenten von der tatsächlichen Welt wenigstens annährend erreicht wird.

Unsere Begriffe haben aber auch nicht den Anspruch, die Realität so zu beschreiben, wie sie ist. Wenn wir sagen, Vernunft sei die Fähigkeit, zu begründen, dann meinen wir keineswegs, dass wir so und so oft Vernunft beobachtet hätten und dabei jedes Mal mit beobachtet hätten, dass der Mensch, der da Vernunft besaß, Gründe für sein Denken und Handeln, oder für seine Überzeugungen und Wünsche angegeben hätte. Es ist auch offensichtlich, dass sich eine solche Argumentation im Kreis drehen würde: Denn wenn wir bei jedem vernünftigen Menschen beobachten würden, dass er alles begründen kann, dann müssten wir wiederum vorher ja schon ein anderes Kriterium gefunden haben, das diesen Menschen als vernünftig auszeichnet. Andersherum, wenn Vernunft einfach eine Abkürzung ist für „Fähigkeit, Gründe angeben zu können“, dann wäre die Frage zu beantworten, warum wir denn diesen Begriff, der eine Eigenschaft bezeichnet, eigentlich benötigen, welchen Erkenntnisgewinn er uns geben soll.[1]

Wir können diesem ganzen Problem entgehen, indem wir behaupten, dass wir den Begriff Vernunft mit seiner etwas ungenauen Bestimmung soeben frei erfunden haben – aus der rein spielerischen Hoffnung heraus, damit irgendetwas anfangen zu können. Wir können behaupten, dass wir schlicht die Intuition haben, dass der Begriff Vernunft in der Verwendung, wie wir sie gerade eben festgelegt haben, uns irgendwie helfen wird, die Welt unserer Gegenwart zu verstehen.

Genau in dieser freien Haltung zu unseren Begriffen wollen wir die folgende Untersuchung führen. Jeder Begriff, den wir im Verlaufe unserer Argumentation einführen werden, soll als eine freie, intuitiv als brauchbar erkannte, Erfindung unseres philosophierenden Geistes angesehen werden. Wir greifen uns Begriffe und schauen, was man damit anfangen kann.

Natürlich ist unsere Erfindung nicht voraussetzungslos. Unsere Intuition ist durch vieles geprägt und auf einen Weg gesetzt. Zunächst sind wir überzeugt, dass die Begriffe, die wir verwenden und deren Bedeutung wir festlegen, in dieser Weise tatsächlich verwendet werden, auch wenn dies oft unbewusst, eben im alltäglichen Sinne intuitiv geschieht. Wir entnehmen die Bedeutung der Begriffe dem Gebrauch im Alltag und ebenso der Verwendung in der philosophischen Literatur.

Im Alltag werden Begriffe zumeist unreflektiert und intuitiv verwendet. Was das bedeutet, werden wir im Verlauf unserer Betrachtungen noch genauer analysieren. Wenn wir einen Begriff aus der Alltagssprache für unsere Überlegungen entnehmen, versuchen wir, seine intuitiv verstandene Bedeutung explizit zu machen. Wir schreiben etwa: Vernunft ist die Fähigkeit, Gründe angeben zu können. Wir hoffen, dass einer vorurteilsfreien Leserin, die unsere Begriffsbestimmung bedenkt, dieser Satz plausibel und akzeptabel erscheint. Sodann werden wir den Satz erläutern, wir werden die Bedeutung seiner Teile diskutieren, wir werden versuchen, seine Grenzen auszuloten. Wir werden seine Konsequenzen beurteilen. Wir werden versuchen, herauszufinden, was der Satz über anderes sagt, das dann eben nicht Vernunft genannt wird. Wir werden Lesarten und Anwendungsfälle des Satzes diskutieren. Wir hoffen, dass wir auf diese Weise auch Zweifler dazu bringen werden, den Satz zu akzeptieren, ihn wenigstens als eine mögliche und interessante Sichtweise anzunehmen, der es eine Weile zu folgen lohnt.

Wenn wir hier das Wort Sichtweise verwenden, dann stellt sich die Frage, worauf ein solcher Satz dann schließlich die Sicht freigibt. Haben wir mit unsere Methode, Begriffe zu wählen, zu diskutieren und zu klären, ein Mittel in der Hand, um über die Realität eine Wahrheit herauszufinden? Oder reden wir vielleicht nur über Sprache, schaffen wir gar nur eine Kunstsprache, die von nichts handelt?

Unsere Begriffe sind der Alltagssprache entnommen und wir haben den Anspruch, dass wir ihren intuitiven Gebrauch klären und explizit machen. Die Alltagssprache wiederum entwickelt sich in einem erfolgreichen Umgang mit Wirklichkeit – wir glauben deshalb, dass sie der Wirklichkeit auch angemessen ist – ohne jetzt schon genau sagen zu können, was Wirklichkeit und Angemessenheit eigentlich ist, denn auch diese Begriffe, die wir jetzt noch intuitiv verwenden, müssen wir einer Klärung unterziehen.

Unser ganzes Vorgehen in dieser Untersuchung ist das einer allmählichen Klärung von Begriffen, die zunächst intuitiv verstanden und akzeptiert werden, dabei wird das eine oder andere Missverständnis nicht auszuschließen sein. Ich möchte meine Leser ausdrücklich auffordern, ihr Verständnis der Begriffe, die im Folgenden verwendet werden, zunächst aus ihrem Alltagsgebrauch zu ziehen, sodann aber kritisch zu prüfen, ob dieses Alltagsverständnis zu der Verwendung passt, die sie in meinem Text vorfinden. Wenn genauere Bestimmungen vorgenommen werden – etwa wie die, dass Vernunft die Fähigkeit zum Angeben von Gründen ist – dann sollten meine Leser im besten Falle prüfen, ob diese Begriffsbestimmung für sie für den Moment akzeptabel sein kann, soweit sie wiederum die verwendeten Begriffe, in diesem Falle „Fähigkeit“ und „Gründe / Begründungen“ aus ihrer Alltagsverwendung heraus verstehen und nachsichtig im Sinne der Bestimmung deuten.

Für den Gang unserer Untersuchung sollten wir immer das Bild des allmählichen hervortreten eines Gebirges aus einem Meer vor Augen haben. Stellen wir uns vor, dass wir die Meeresoberfläche bei diesem Vorgang beobachten könnten, dann würden wir zuerst hier und da undeutliche Schatten erkennen, Wellen auf dem Wasser, die ersten Inseln würden allmählich sichtbar werden. Langsam faltet sich das Gestein auf, das Wasser weicht zurück, verdeckt aber hier und da noch die darunter liegenden Konturen, Manches formt sich noch um, einiges steigt schneller als anderes. Am Ende lieg das Gebirge in seiner ganzen Schönheit und Klarheit vor uns.

Wir könnten sagen, dass wir doch auch eine systematische Karte des nun vor uns liegenden Gebirges zeichnen können. Aber um es in seinem ganzen Gefüge zu verstehen, seine bizarren Faltungen und seine regelmäßigen Verfärbungen, ist es notwendig, sein entstehen beobachtet zu haben. Wir wollen ein Verständnis für die Vielfalt und die vielen kleinen Differenzen erwerben, die wir mit unseren Begriffen nur unvollkommen be-greifen können. Nur, wenn wir die Herkunft der Begriffe kennen, ihre Veränderungen, ihre Ausdehnungen und Abgrenzungen, ihr Zusammenwachsen und ihr Auseinanderrücken beobachtet haben, sind wir so mit ihnen vertraut, dass wir sie nicht nur als vorhandene Wissens-Bausteine verstehen, sondern uns auf sie verstehen, mit ihnen umgehen können.

Am Ende wird ein System plausibler Begriffe entstanden sein, welches einiges unseres bisherigen erfolgreichen Umgangs mit der Wirklichkeit verständlicher macht, und das gerade, weil wir sie nicht auf wenige klare, eindeutige Beziehungen zu anderen Begriffen zurückgeführt haben, sondern weil wir sie am Ende in ihrer ganzen Kraft, in ihrem ganzen Vermögen, eine Welt zu sein, verstanden haben werden.

Unser Vorhaben heißt „Kritik der vernetzten Vernunft“. Wir hatten bereits gesagt, dass die vernetzte Vernunft die Vernunft der Gegenwart ist. Sie knüpft vorschriftsmäßige – logische – Verbindungen zwischen Wissensbausteinen, die auf den klaren Begriff gebracht worden sind. Wenn diese vernetzte Vernunft die vor-herrschende Vernunft der Gegenwart ist, dann sind wir, die wir uns ihre Kritik zur Aufgabe gemacht haben, selbst in ihr eingebunden – und müssen uns aus ihr, um sie einer Kritik unterwerfen zu können, herausarbeiten. Das, was hier als Methode skizziert wurde, ist dieses Herausarbeiten aus der vernetzten Vernunft. Dabei werden wir jedoch die Verbindungen zu ihr nicht trennen, denn nur durch diese Verbindungen können wir sie einerseits verstehen und andererseits auf sie zurück wirken.

Wird das, was wir am Ende gefunden haben, die Wahrheit über die vernetzte Vernunft sein? Nein, wenn wir die vernetzte Vernunft selbst als etwas objektiv vorhandenes auffassen, was an sich so ist, wie wir es beschreiben können.

Fassen wir die vernetzte Vernunft jedoch als ein begriffliches Gebilde auf, das uns einen akzeptablen und gelassenen Umgang mit der Wirklichkeit ermöglicht, dann hat diese Untersuchung allerdings den Anspruch, Wahrheit zu finden – und in diesem Sinne ist sie auch kritisierbar, in diesem Sinne kann sie auch fehl gehen.

Wir wollen das Gemeinte an einem Beispiel erläutern. Oben hatten wir (in Fußnote 1) bereits auf die Unterscheidung zwischen analytischen und synthetischen Urteilen bei Kant hingewiesen. Man könnte die Diskussion führen, ob es denn wirklich, in der Realität der sprachlichen Äußerungen, analytische Urteile auf der einen und synthetische Urteile auf der anderen Seite gibt. Diese Frage interessiert uns nicht. Wir nehmen diese Begriffe als Kants freie Erfindungen, die er in irgendeiner Weise intuitiv aus seiner Erfahrung mit sprachlichen Urteilen, die ihm in seiner Beobachtung der Realität begegnet sind, gewonnen hat. Wir können sodann nachverfolgen, ob Kant in der Erläuterung der Konsequenzen seiner Begriffe plausibel argumentiert. Es wäre denkbar, dass wir dabei Ungereimtheiten finden (was aber nicht der Fall ist). Wir können darüber hinaus prüfen, ob uns Kants Unterscheidung in irgendeiner Weise hilft, unsere eigenen Erfahrungen übersichtlich und verständlich zu machen, ob sie uns dabei nützt, frei mit der sprachlichen Wirklichkeit, die uns begegnet, umzugehen, oder ob sie uns eher verwirrt. Hier setzt unsere Kritik an, die aber nicht sagt, dass Kants Unterscheidung falsch ist.

Es wird sich zeigen, dass wir die Unterscheidung von Urteilen in analytische und synthetische sogar benutzen können, und zwar im negativen Sinne, indem wir für bestimmte Urteile, etwa für den Satz, dass Vernunft die Fähigkeit ist, Begründungen angeben zu können, sowohl eine synthetische als auch eine analytische Perspektive als wesentlich ansehen.

Unsere Untersuchung hat also keinen Wahrheitsanspruch im Sinne einer objektiven Gültigkeit oder Richtigkeit. Sie soll aber zu einem freien, angemessenen und verständigen Umgang mit der Wirklichkeit beitragen. Insofern ist sie auch kritisierbar, und insofern besteht andererseits auch Hoffnung, dass sie eine implizite Wahrheit über diesen Umgang mit der Wirklichkeit offenlegt.

[1] Dies wäre der Ort, um bereits eine Auseinandersetzung mit Kants Unterscheidung zwischen analytischen und synthetischen Urteilen zu führen. Später wird deutlich werden, dass wir diese Unterscheidung weder benötigen, noch für hilfreich halten. Dann wird das hier gesagte auch verständlicher.

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