Agnostische Theologie

Ist eine Theologie aus einer agnostischen Einstellung heraus denkbar? Auf den ersten Blick scheint dies absurd. Theologie – das ist, nach allgemeinem Verständnis, die Rede, oder gar die Lehre, von Gott. Agnostisch hingegen nennen wir eine Einstellung, die ohne einen Gott auskommt, weil sie meint, dass man von Gott nichts wissen kann. Der Agnostiker meint, über die Frage, ob es Gott gibt, keine Aussage treffen zu können. Kann man aus dieser Position heraus von Gott reden?

Wir wollen der Frage nicht ausweichen, indem wir über die ursprünglichen Bedeutungen der Worte, die das Begriffspaar bilden, nachdenken. Wir wollen sie vielmehr ein wenig genauer fassen, um die Möglichkeiten einer agnostischen Theologie zu fassen.

In „agnostisch“ steckt das altgriechische γνῶσις, das Kenntnis oder Erkenntnis bedeutet. „Agnostisch“ ist also ein Attribut, das darauf verweist, dass uns der Gegenstand dessen, was wir mit „agnostisch“ kennzeichnen, letztlich unerkennbar bleibt, das Wesen dessen, was wir beschreiben, über das wir reden, bleibt uns un-erkennbar oder un-kenntlich.

Der Gegenstand der Theologie ist θεός. Das Wort wird meist mit „Gott“ übersetzt. Wir könnten fragen, was Gott ist, was das Wort bezeichnet, wenn es nicht als ein Name für ein bestimmtes Wesen oder Subjekt genommen wird. Wir können aber auch, oder um dahin zu kommen, fragen, was θεός bedeutet, denn für die alten Griechen war es auf keinen Fall der Name eines Wesens. Wir können auch fragen, was wir meinen, wenn wir etwas als göttlich bezeichnen, auch im Alltagssprachlichen.

Θεός hat den gleichen Wortstamm wie Theater, These und Theorie. Es bezeichnet etwas, was sichtbar wird oder sichtbar macht. Θεός – Gott, ist der sichtbar Machende, der im Sichtbar-Machen selbst sichtbar wird. Gott ist der, der sich im Göttlichen ausspricht, der sich zeigt. Wir sagen oft, dass sich etwas ausspricht, dass sich etwas zeigt. Dieses „Etwas“ ist der Versuch, im Unpersönlichen zu verbergen, dass da gesprochen wird, dass da gezeigt wird. Das Sprechen und das Zeigen haben aber immer ein Subjekt, das spricht und das zeigt, und das sich in diesem Sprechen hörbar und in diesem Zeigen sichtbar macht. Dieses Subjekt ist θεός.

Theologie ist dann die Rede, das menschliche Sprechen, von diesem Sich-Zeigenden, Sich-Aussprechenden. Agnostische Theologie fragt nicht, was für ein Wesen oder welcher Grund „hinter“ diesem Sprechen „steckt“. Sie macht nur das Sprechen selbst hörbar und das Zeigen selbst sichtbar. Sie will das Phänomen dieses Sprechens und Zeigens aufweisen, sie will dem Erleben des Hörens und Sehens selbst Stimme und Gestalt geben. Sie ist, als Philosophie, Phänomenologie.

Agnostische Theologie will also aufweisen, dass es etwas sich-zeigendes und sich-aussprechendes auch für die Menschen gibt, die nicht „an Gott glauben“, sie will diesem Zeigen und Sprechen folgen, will herausfinden, erlebbar machen, wo und wie es spricht und zeigt, will die Stimme vernehmbar und die Winke verfolgbar machen.

Nun hat sich die Vorstellung von Gott auch in den „herkömmlichen“ Theologien verändert, und man könnte, wenn man die folgenden Überlegungen liest, fragen, ob sich eine agnostische Theologie überhaupt von einer modernen christlichen oder auch progressiven islamischen Theologie unterscheidet. Wir wollen diese Frage hier gar nicht abschließend beantworten, für die agnostische Theologie jedoch zwei Aspekte klarstellen, die letztlich beide eine gemeinsame Wurzel haben.

  1. Für die agnostische Theologie gibt es keine Schöpfung, der θεός, den sie beschreibt, ist kein Schöpfer, der die Welt ersonnen und erzeugt hat. Ihr θεός kam erst mit den Menschen in die Welt – auch wenn er keine Erfindung der Menschen ist.
  2. Die agnostische Theologie kennt keine unsterbliche Seele, es gibt in ihr keine Hoffnung für den Einzelnen auf ein Leben nach dem Tode.

Was ist die gemeinsame Wurzel dieser beiden Grundsatz-Aussagen? Der θεός der agnostischen Theologie ist begrenzt, er ist an die Menschen, ihr Kommen und Vergehen, gebunden. Der lebendige Mensch, weder als Einzelner noch als Gattung, ist nicht Teilhaber einer Idee, die schon vor ihm da war und die ihn überdauert. Auch wenn die Seele den leiblichen Menschen übersteigt, so überdauert sie ihn doch nicht, auch wenn die Idee die leibliche Menschheit übersteigt, so war sie zuvor nicht in der Welt und so wird sie doch mit ihr vergehen.

Diese Aussage, das Sprechen von einem Übersteigen und doch Begrenzt-Sein, mag im Moment noch etwas unverständlich sein, sie wird aber im Weitern klarer. Es genügt an dieser Stelle, wenn deutlich wird, dass es für die agnostische Theologie weder eine Schöpfung noch ein Jenseits gibt.

Man könnte fragen, warum die agnostische Theologie überhaupt so eine drastische Einschränkung vornimmt, wo sie doch sagt, dass sie nichts über das Wesen des sich Aussprechenden und sich Zeigenden θεός weiß. Es könnte doch also sein, dass es sich dabei eben doch um einen Schöpfergott handelt, der aus einem Jenseits heraus die Seelen in die leibliche Welt schickt und sie am Ende ihres leiblichen Lebens wieder zurück holt in die Unsterblichkeit des Jenseits.

Das ist möglich, oder genauer, das ist denkbar. Und trotzdem spricht die agnostische Theologie nicht davon, weil sie nur von dem spricht, was sich sichtbar machen lässt, oder genauer, von dem, was sich sichtbar macht, wenn der Mensch bereit ist, es zu sehen. Das Jenseits und die Schöpfung aber, im wörtlichen Sinn genommen, bleiben unsichtbar. Wir werden später auf Phänomene zu sprechen kommen, die andere als Schöpfung oder Jenseits interpretiert haben – aber wir werden andere Worte dafür finden müssen, um nicht in die Versuchung zu geraten, etwas sehen zu wollen, was sich nicht sichtbar machen lässt (weil es seine Sichtbarkeit verweigert).

Bevor wir in die Einzelheiten der agnostischen Theologie eindringen, und damit wir uns in diesen Einzelheiten nicht verlieren, wollen wir den Bezirk umreißen, in dem wir den θεός zu finden hoffen. Dieser Bezirk wird – wie könnte es anders sein – von einem Dreiklang bestimmt. Diese – zugegeben etwas selbst-ironisch aufzufassende – Selbstverständlichkeit fordert sogleich eine Erläuterung. Wir können diese Erläuterung aber erst geben, wenn wir den Bezirk überhaupt in den Blick bekommen haben. Die Erläuterung wird durch den Fortgang der Überlegungen klarer und plausibler.

Ein Dreiklang ist ein Klang, in dem drei Töne so zusammen klingen, dass sie einander halten, so, dass jeder von ihnen die beiden anderen hält – sodass sie zusammenklingen. Der Dreiklang des θεός besteht aus dem Wahren, dem Schönen und dem Guten. Das Wahre ist wahr, indem es schön und gut ist. Das Schöne ist schön, indem es wahr und gut ist, und das Gute ist gut, indem es wahr und schön ist.

Das ist natürlich nicht die ganze Bestimmung dieser Drei. Wir werden jedes Einzelne von ihnen genauer betrachten, wir werden sehen, wie sie sich selbst zur Sprache bringen, wie sie sich zeigen. Genau das wird unsere Methode sein, das Feld der agnostischen Theologie auszuschreiten.

Damit gleich zu Beginn aber alle möglichen Missverständnisse ausgeschlossen werden, seien, als Dreiklang, drei Dinge zur Sprache gebracht:

Das Wahre ist nicht die Wahrheit in einem wissenschaftlichen Sinne, die wir hier eigentlich nicht als Wahrheit, sondern als Richtigkeit, noch genauer, als Korrektheit, als ein Zutreffen benennen wollen. Das Wahre ist nichts, was sich als Ergebnis einer Kette formal-logischer Konstruktionen herleiten lässt, sodass es zwingend als richtig – im Rahmen der Vorschriften eines Systems – akzeptiert werden muss. Wie das Wahre als Wahres eingesehen und erkannt wird, wie es sich sogar als notwendig zu erkennen gibt, das wird uns zu beschäftigen haben, den eine Theologie ist als λόγος begründete Rede und nicht nur Gerede.

Ebenso ist das Gute weder Gutes als Nützliches noch als Lobenswertes, es ist nicht durch Schlussfolgern aus Prämissen oder ethischen Grundprämissen als ein gutes Handeln oder Bewerten herleitbar. Das Gute zeigt sich als en Wahres wie das Wahre. Dennoch leitet es unser Handeln, indem es zu uns spricht, sich zeigt und ausspricht. Die Theologie fragt, wie sich das Gute hörbar macht.

Drittens ist das Schöne nicht die Schönheit des Attraktiven oder des Angenehmen, es ist nicht aus ästhetischen Regeln erkennbar, oder durch Herstellungstechniken zu erzeugen. Dennoch wirkt es belebend auf den lebendigen Menschen und kann durch den lebendigen Menschen erlebbar gemacht werden. Die Theologie zeigt, wie das sprechende Gute und das zeigende Wahre den Menschen in das Schöne führt.

Wo findet die agnostische Theologie ihre Quellen? Wie jede Theologie sieht sie dorthin, wo der θεός spricht: in die heiligen Texte. Und tatsächlich sind die heiligen Texte vor allem, wenn auch nicht ausschließlich, die Heiligen Schriften der Religionen, wenn auch nicht ausschließlich. Wir verstehen, mit den Religionen, die Autoren dieser Heiligen Schriften als Menschen, aus denen und durch die der θεός zur Sprache kommt. Auch in anderen Schriften spricht er, genauer, überall da, wo Autoren sich ausdrücklich an ihn gewandt haben, also auch in den Schriften der bisherigen Theologen, auch in den Texten der Philosophen, selbst in denen Nitzsches, der bekanntlich den Tod Gottes beklagt und seine Mörder angeklagt hat, auch in den Gedichten Rilkes, der in ihnen Gott gesucht und nicht gefunden hat.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.